Mein Herz zum Valentinstag gehört … »A Song for Europe« von Roxy Music

Ich habe einen Traum. Voller Momente und Emotionen. Von einer abgedunkelten Kneipe im Herzen der Stadt. Auf den Straßen leuchten nur die Laternen in sternklarer Nacht. Fröstelnde Kälte und tosender Wind lassen mich Zuflucht im Warmen suchen. Als ich in das Nachtlokal mit den rotleuchtenden Lettern eintauche, zieht mir wohlvertrauter Kneipengeruch entgegen. Der Rauch liegt hier wie ein dichter Nebel in der Luft und schert sich nicht um Gesetze. An der Bar steht ein einzelner leerer Hocker, als sei er einzig und allein für mich reserviert. „Ein Bier bitte“, höre ich mich gedanklich sagen, doch nicht heute. Rotwein. All die Jahre sah ich keinen Sinn in diesem Getränk, heute allerdings fühlt es sich richtig an. Der Barkeeper stellt den edlen Wein vor mir auf den Tresen und schenkt ihn langsam ein. Ich mustere die Flasche argwöhnisch wie ein Kenner und nippe vorsichtig am Glas. Die Uhr schlägt 12. Samt seiner Band entert Bryan Ferry die kleine Bühne des Lokals, sein weißer Anzug leuchtet hell wie ein Licht in dunkler Nacht. Es ist so weit.

[Live in London, 2001]

Kaum erklingen die erste Töne am Piano, weiß ich: Er spielt einen Song für Europa, einen Song für die Liebe, einen Song für die Ewigkeit.

1973 erblickte Roxy Musics „A Song for Europe“ – ein Wortspiel zum Eurovision Song Contest – das Licht der Welt in einem vom Kalten Krieg verunsicherten Europa. Der Engländer Ferry öffnet sein Fotoalbum und nimmt uns mit auf eine Reise an schillernde Orte wie Paris und Venedig, in sehnsüchtiger Erinnerung an die Zeiten vor den beiden Weltkriegen schwelgend. Es ist ein Abgesang auf Glamour, Schönheit und Kunst der europäischen Vergangenheit: Though the world is my oyster / It’s only a shell full of memories“. Doch muss es nicht zwingend von der Liebe zu Europa handeln, auch der Gedanke an einst geliebte Menschen liegt nahe, erscheint persönlich greifbarer. Nicht nur für Rainer Werner Fassbinder, der in seinem Film „Ein Jahr mit 13 Monden“ das Roxy-Music-Stück verwendete, als sein zielloser transsexueller Protagonist vor Liebeskummer in Tränen ausbrach. Auch mir geht zunächst das Herz auf, wenn Ferry all those moments lost in wonder“ besingt und man sich längst verjährter Glücksmomente erinnert. Doch das Herz, es zerbricht zugleich wieder, zu wenig Hoffnung verbreitet der Track, denn es sind Momente that we’ll never find again“. Zwar vermag uns niemand mehr diese Erinnerungen zu nehmen, aber die magischen Augenblicke werden niemals wiederkommen. „No tomorrow, there’s no today“: Alles, was bleibt, ist der traurige Gedanke an ein verlorenes Gestern.

Um mich herum ist es still geworden, jeder einzelne Gast schaut gebannt zur Bühne und versinkt in den Lyrics, dem Sound, der Atmosphäre. Kaleidoskopische Klanglandschaften breiten sich aus und erfüllen das gesamte Lokal mit rührendem Melodram. Die Melancholie der gedämpften Klaviertöne trifft auf das wehmütige Saxofonspiel Andy Mackays, gemeinsam mit Gitarre und Drums umschmeicheln die Instrumente den schmerzvollen Gesang Ferrys. Der Track baut Spannung auf und entlädt sich in der Coda mit dem Aufschrei des Saxophons. Ferry verleiht seiner Trauer nun mehrere Sprachen und spricht die nächsten Zeilen auf Latein ein. Dann schließt er seinen Track voller Inbrunst und Leidenschaft mit dem Refrain in französischer Sprache ab. Ich leere mein Glas von den letzten Weintropfen und wische mir die Tränen der Glückseligkeit von der rechten Wange. So schön, so aufrichtig und so ergreifend, wie es nur ein Lieblingssong sein kann. Ferry verbeugt sich noch ein letztes Mal auf der Bühne, das Publikum applaudiert ehrfürchtig. Es sind Momente voller Liebe – Momente, die man niemals vergisst. JamaisJamaisJamais … Jamais … Jamais … JAMAIS!

[Studioversion – Album: „Stranded“, 1973]

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