Weil Depression noch nie so verführerisch klang: Music by The Cure

Der geneigte Popmusik-Hörer mag bei der Überschrift bereits einen Herzstillstand erlitten haben, bis es bei ihm dann doch noch klingelte: The Cure? Haben die nicht auch Popmusik gemacht? Ja, keine Sorge. Bevor wir uns in tiefste Gothic-Rock-Depressionen hineinstürzen, wird der Leser erst einmal ganz sanft abgeholt. The-Cure-Kenner würden an der Stelle nun vielleicht “Love Song” oder “Friday I’m in Love” erwarten, die zweifelsohne tolle Aufnahmen sind. Ich greife jedoch noch viel lieber zu “Just Like Heaven”, dem auch laut Bandleader Robert Smith allerschönsten Popsong von The Cure:

Es liegt ein Hauch von Liebe in der Luft – echtes, warmherziges Gefühlskino: “Dancing in the deepest oceans / Twisting in the water / You’re just like a dream”, singt Smith ganz ergriffen und gibt sich unbekümmert seinen Emotionen hin. Bis die träumerische Idylle auf einmal unsanft zerstört wird: “I opened up my eyes / And found myself alone, alone”. Was für ein desillusionierter Romantiker er doch war, unser Robert Smith. “Just Like Heaven” erblickte im musikalischen Kalenderjahr 1987 das Licht der Welt. Zu diesem Zeitpunkt umfasste der Werdegang der Band bereits sechs veröffentlichte Alben und einen einschneidenden Stilwechsel.

So kulminierten die düster angehauchten Dark-Wave-Anfänge von “Seventeen Seconds” und “Faith“ zunächst in der 1982 erschienenen Platte “Pornography”, die The Cure endgültig zu Pionieren des Gothic Rock erhob. Robert Smiths drogensumpfiger Abgrund ließ gar so tief blicken, dass er es sich zum Ziel gesetzt hatte, ein schier unerträglich hörbares Musikalbum auf den Markt zu bringen. Getrieben vom Alkohol- und Drogenrausch des Bandleaders, versank das Werk zwar in pechschwarzer Dunkelheit, bildete in seinem konsequenten Welthass jedoch ein kohärentes, verführerisches Ganzes.

Allein der Einstieg hat es in sich: “IT DOESN’T MATTER IF WE ALL DIE”! Mehr als nur ein Slogan, eine ganze Lebenseinstellung steckt dahinter. Unterstützt von schrillen Gitarren und hämmernden Drums, nimmt uns Smith mit auf einen waschechten Horrortrip. Es fällt schwer, einen Sinn in den Zeilen zu finden, aber der Sound und die Bilder vermitteln eine klare Botschaft: Überall um uns herum ist es düster, hoffnungslos und qualvoll. In diesem Delirium gibt es keinen Platz, um noch an irgendetwas zu glauben. Verstörende Metaphorik wie “But the fear takes hold / Creeping up the stairs in the dark” wird von Todessehnsucht (“Waiting for the death blow”) gefolgt. Depression hat ein ganz neues Level erreicht und erschafft im Gesamtbild einen brutalen Track, dessen klangvolle Härte atmosphärisch fasziniert und musikalisch begeistert.

Da nach “Pornography” keine Steigerung mehr möglich schien, war ein Richtungswechsel unvermeidbar. In der Folge ging die Band zu einem poppigen, heiteren Soundbild über, das sich durch ihre nächsten drei Alben zog und worunter auch Singles wie “Just Like Heaven” fielen. Smiths Rückfall zu halluzinogenen Drogen im Zuge einer Midlife-Crisis angesichts seines näher rückenden 30. Geburtstages veränderte die Musik von The Cure jedoch wiederum zu einer melancholischen Grundstimmung. Ihrer kommerziellen Beliebtheit tat dies beim 1989 erschienenen Album “Disintegration” indes keinen Abbruch. Welcher Hörer konnte sich schließlich nicht in Zeilen wie “There was nothing in the world / That I ever wanted more / Than to feel you deep in my heart” wiederfinden, während alles tatsächlich Verbliebene nur noch leidenschaftlich besungene “Pictures of You” vor einem Klangteppich aus Synthesizern und verzaubernden Gitarrenrhythmen waren? Und doch bleibt “Pornography” 2.0 aus: Weltschmerz klang nicht nur selten so schön verpackt wie auf diesem Tonträger, auch kommt er diesmal mit aufmunternden Hoffnungsschimmern daher. “Disintegration” gilt als das Opus magnum einer Band, die ihre besten Zeiten wahrhaftig in den 1980ern erlebte, jedoch auch in späteren Jahren noch vereinzelt ihre Genialität aufblitzen ließ.

So fällt mein ganz persönlicher Lieblingstrack von The Cure tatsächlich in den Spätherbst ihrer Karriere. Wahrscheinlich hätte ich der allerseits geringgeschätzten Platte “Wild Mood Swings” niemals ein Ohr geschenkt, wäre ich nicht im Februar einer Frau begegnet, die mich überhaupt erst neugierig auf diese Band machte und besonders die stilistische Vielfalt ihres 1996er-Werkes zu schätzen wusste. Somit wurde Track Numero Uno namens “Want” zu meinem ersten bewusst rezipierten The-Cure-Track, und das Faszinosum Robert Smith begann.

In bester “Disintegration”-Manier startet auch “Want” mit einem ausschweifenden Intro, um sich anschließend in der altbewährten niederschmetternden Trostlosigkeit zu entladen. Der monumentale Spannungsaufbau macht sich in jeder Sekunde bezahlt, wenn Robert Smith nach 2:20 min zunächst mit einem energischen “I’m always wanting more” den perfekten stimmlichen Einsatz findet, um sich nachfolgend in einen wilden Rausch hineinzusteigern.

I want the sky to fall in
I want lightning and thunder
I want blood instead of rain

Gier und Maßlosigkeit treiben ihn in seinem unglücklichen Leben an und schüren eine eindrucksvolle Atmosphäre, während ein so eingängiges wie mitreißendes Gitarrenmotiv seine repetitiven Kreise zieht. Smiths Lyrics sind von Ruhelosigkeit geprägt und kreieren zerstörerische Bilder, die den Zerfall der eigenen Welt im unbefriedigenden Streben nach immer, immer mehr befürchten lassen. Denn am Ende bleibt nur ein ernüchterndes Fazit: “But however hard I want / I know deep down inside / I’ll never really get more hope / Or any more time”. Solcher Nihilismus mag harte Kost bedeuten, doch wenn er mit so viel musikalischem Drive daherkommt, möchte man glatt darin versinken.

“I’m always wanting more”: auch ein treffendes Fazit zu meiner überaus spannenden Entdeckungsreise in der Diskografie von The Cure.

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2 Kommentare zu „Weil Depression noch nie so verführerisch klang: Music by The Cure

    1. Sehr gern und danke für die lobenden Worte! Letztes Jahr waren The Cure doch tatsächlich zum Konzert in meiner Stadt, da hatte ich sie nur leider noch nicht ins Herz geschlossen. Aber hoffentlich gibt es ein nächstes Mal. 🙂

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