Schweiß und Tränen, Pt. II: Die 5 schönsten Fußballspiele meines Lebens

Es wird Zeit für den zweiten Teil! Seelenstriptease unter Fußballfans ist ein alter Hut: Wenn wir Kerle irgendwo ungefilterte Emotionen zeigen (dürfen), dann bei der Rezeption von anspruchsvollem Rasenschach. Im ersten Teil regierte noch Herzschmerz nach der Devise: „Mal verliert man, und mal gewinnen die anderen!“  Doch hier habe ich nun ein Licht am Ende des Tunnels entdeckt und teile meine erfreulichsten Erlebnisse mit der besten Nebensache der Welt! Erneut beschränke ich mich in meinem Top 5 Ranking auf Fußballspiele, die ich „live“ in bewegten Bildern verfolgte – das Spiel zum Meistertitelgewinn Werder Bremens 2004 konnte daher leider nicht berücksichtigt werden. Highlightvideos wurden abermals in den Überschriften verlinkt. 🙂


DFB-Pokal 2008/09, Halbfinale
Hamburger SV – SV Werder Bremen 2:4 (1:1) n.E.

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Die Rivalität zwischen den Hamburgern und Bremern ist legendär in der Geschichte des deutschen Fußballs. Für Spätgeborene beinahe unvorstellbar, gab es vor nicht einmal 10 Jahren noch eine Zeit, in der man beiden Teams sportliche Relevanz zusprechen musste. Der HSV – ja, genau der – war in der Saison 2008/09 sogar auf dem besten Weg hin zum kleinen Titel-Triple aus Bundesliga, DFB-Pokal und UEFA Cup. In den Pokalwettbewerben hatte man jeweils das Halbfinale erreicht, während man in der Liga zwischenzeitlich gute Karten und selbst nach 30 Spieltagen noch Außenseiterchancen auf den Meistertitel besaß. Doch dann kam Werder Bremen! Wie es der Zufall so wollte, wurden die zwei Teams in beiden Cups gegeneinander gelost und sollten sich zudem am 31. Spieltag der Bundesliga gegenüberstehen. Den Auftakt machte die Partie im nationalen Pokal: Nach 120 Minuten stand es 1:1, da die Bremer Führung in bester Thomas-Schaaf-Manier durch einen Konter nach eigener Ecke egalisiert wurde. Werders Torwart Tim Wiese (jüngeren Lesern als „The Machine“ bekannt) hatte vor dem hitzigen Derby seine Klappe noch weit aufgerissen, unterstellte dem Gegner Schiss, wollte ihm auf den Sack geben – und hielt sich auch daran. Als die spannungsgeladene Partie nämlich ins Elfmeterschießen ging und ich vor Aufregung nur noch kollabieren wollte, fing mich Wiese mit einer gottesgleichen Performance ganz sanft auf: Er parierte 3 der 4 Hamburger Elfer, die Bremer Schützen trafen indes allesamt – und schon war die Messe gelesen! Ganz besonderes Highlight: Comedy-11er-Schütze Torsten Frings (der Namenspate für Gustavo Fring in “Breaking Bad“) verwandelte wie immer mit mehr Glück als Verstand – Latte, Linie, Latte, Tor. In der Folge demonstrierte Werder Bremen abermals, wer die wahre Nummer 1 im Norden ist, indem man den HSV auch aus dem UEFA Cup und dem Meisterschaftsrennen eliminierte. Was für unvergessliche Festspielwochen!


Champions League 2012/13, Viertelfinale – Rückspiel
Borussia Dortmund – FC Málaga 3:2 (1:1) [Hinspiel: 0:0]

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Als Werder Bremen ab der Saison 2010/11 im tiefen Abstiegskampf versank, veränderte sich mein Blick auf die Bundesliga. Mit Blick auf das Titelrennen brauchte ich im ewigen Kampf gegen die Pest aus München einen neuen Verbündeten – da kam mir der kometenhafte Aufstieg von Borussia Dortmund gerade recht. In den beiden sensationellen Meisterjahren verzauberten mich Hummels, Sahin, Gündogan, Götze, Kagawa, Kuba, Barrios, Lewandowski & Co. mit attraktivem Fußball und sicherten dem BVB sämtliche Sympathien, die ich mir als hauptberuflicher Werder-Fan für einen anderen Verein erlauben durfte. Auf internationalem Parkett präsentierte sich Jürgen Klopps Borussia jedoch zunächst zum Haareraufen: Weder in der Euro League noch in der Champions League überlebte man nach guten, aber naiven Auftritten auch nur die Gruppenphase. Doch die Mannschaft reifte kontinuierlich: In der Champions-League-Saison 2012/13 erspielte man sich gegen Real Madrid, Manchester City und Ajax Amsterdam sensationell den Gruppensieg. Mit einem ungefährdeten 3:0 im Achtelfinalrückspiel buchte der BVB schließlich die nächste Runde – wo mit dem FC Málaga auf dem Papier ein Traumlos wartete. Im Hinspiel verfiel man jedoch in alte Muster und kam in Spanien dank miserabler Chancenverwertung nicht über ein 0:0 hinaus. Als es im Rückspiel zur Pause 1:1 stand, sprach folglich die Auswärtstorregel gegen den BVB, der nun zum Siegen nach 90 Minuten verdammt war. Doch die Mannschaft beging gegen ein taktisch diszipliniertes Gegnerteam ungewohnt viele Fehler, scheiterte bei den wenigen hochkarätigen Chancen an Málagas überragendem Keeper und bekam in der 82. Minute den 2:1-Todesstoß aus dem Abseits versetzt. Die Uhr tickte herunter, nur noch 4 Minuten Nachspielzeit verblieben. Wir, 5 Freunde in einer Sportbar, verloren allmählich den letzten Glauben.

But then magic happened! Es wurde Zeit für die Brechstange: Statt blindem Kick & Rush eröffneten Hummels und Sahin das Spiel mit gewohnt starken langen Bällen, woraufhin Málaga durch die anstürmende BVB-Offensive gehörig unter Druck geriet. Als der Ball schließlich in der Gefahrenzone landete und Reus ihn über die Linie drückte, wuchs eine bittere Erkenntnis in uns. Nicht nur kam der Ausgleich viel zu spät, auch würde Dortmund dank dieser bescheuerten Auswärtstorregel nun ungeschlagen aus dem Wettbewerb ausscheiden. Doch wir wollten das Wunder und bekamen das Wunder: Keine 2 Minuten später entstand erneut ein ungeheures Gewühl im Strafraum, bis der Ball auf einmal schon wieder im Netz zappelte. Träumten wir? Nein, verdammt! Die ganze Sportbar feierte, und ich eskalierte zu Freudentränen. Das schönste glasklare Abseitstor aller Zeiten! Als besonderes Highlight für die Nachwelt gibt es das über dem Beitrag verlinkte Video zum Kommentar des BVB-Fanradios, der die unbeschreiblichen Emotionen dieses Abends immer wieder einzufangen weiß. Leider stand am Ende des Wettbewerbs nicht auch der heißersehnte Titelgewinn.


WM 2014, Halbfinale
Deutschland – Brasilien 7:1 (5:0)

World Cup 2014 - Brazil - Germany
Noch nie hatte eine europäische Mannschaft bei einer WM auf dem südamerikanischen Kontinent triumphieren können. Folglich gingen die Brasilianer als großer Favorit in ihr Heimturnier 2014. Doch im Viertelfinale ereilte sie ein schwerer Schock: Nicht nur verletzte sich Superstar Neymar infolge eines brutalen Foulspiels, auch kassierte Abwehrchef Thiago Silva eine Gelbsperre. Im Halbfinale traf die Seleção nun auf die deutsche Nationalelf. Pessimist, der ich bin, sah ich mein Team in diesem Duell dennoch als Außenseiter, da die Brasilianer nun sicher gegen alle Widerstände gemeinsam für Neymar das Spiel ihres Lebens zeigen würden. Zum Glück entschied ich mich stets dagegen, mit Fußballwetten zu beginnen. Was sich an diesem Abend des 8. Juli 2014 ereignete, ging nämlich als das größte brasilianische Debakel aller Zeiten in die Fußballgeschichte ein. Bedingt durch die beiden zentralen Personalausfälle, fehlte es dem Gastgeber hinten an jeglicher Ordnung und vorne an jeglicher Spielidee. Die deutsche Nationalelf nahm Brasilien zwischen der 10. und 30. Spielminute komplett auseinander und lieferte mit dem Zwischenstand von 5:0 eine Machtdemonstration ab. Erst nach dem 3:0 wollte ich auch so langsam daran glauben, dass man vielleicht sogar doch ziemlich sicher im Endspiel landen könnte. Gekrönt wurde die Begegnung durch Miroslav Kloses Treffer zum 2:0, mit dem er den WM-Torrekord des ewigen Ronaldo überbot. Als einziges Match meiner Top 5 war Deutschland – Brasilien ziemlich schnell jeglicher Spannung beraubt und plätscherte in den letzten 60 Minuten praktisch nur noch dahin. Allerdings erschien dies wie eine dringend notwendige Erholungskur, um die zuvor geschehenen nahezu surrealen Ereignisse überhaupt begreifen zu können. Es war ein Abend zum Genießen, ein Abend zum Staunen und nicht zuletzt auch ein Abend zum Feiern! Spontan begaben wir uns nach Schlusspfiff noch in Richtung Innenstadt, um die Nacht zum Tage zu machen. Die Fußballwelt war immerhin gerade vollends aus den Fugen geraten.


WM 2014, Finale
Deutschland – Argentinien 1:0 (0:0) n.V.

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7:1 hin oder her: Auch im Falle eines verlorenen Endspiels könnten die Erinnerungen an den historischen Triumph über Brasilien zwar niemandem mehr genommen werden, doch wäre dies bei einem erneuten Scheitern kurz vor der Ziellinie nur ein verdammt schwacher Trost. Nach diversen traumatischen Erlebnissen im Laufe der Jahre, die ich im ersten Teil ausführlich verarbeitet habe, war ich gewissermaßen ein gebranntes Kind und hätte unlängst das Feuer scheuen müssen. Doch Fußballfan ist man fürs Leben, und vor allem sollte man nie den Glauben an seinen Boyhood Dream verlieren. Tief im Herzen war ich immer noch der kleine Junge, der mit feuchten Augen dabei zusehen musste, wie Brasiliens Ronaldo mit dem schrecklichsten Pony der Frisurengeschichte bei der WM 2002 meinen ersten Titeltraum zerstörte. Fußball-WM war eben ein hartes Geschäft: 32 Mannschaften, doch nur eine konnte am Ende gewinnen – kein Wunder, dass es bei solchen Wahrscheinlichkeiten immer nur Leid und Tränen gab! Doch vielleicht war dieses eine Mal alles anders. Eventuell. Ich war nun 21 und hatte in meiner Studentenstadt die vorherigen Spiele zumeist in gemütlicher Wohnungsatmosphäre mit Freunden verfolgt. Zum Finale jedoch unternahm ich etwas, das ich eigentlich überhaupt nicht mochte: Ich ging zum Public Viewing unter mehr als 1.000 Menschen. So bekam man zwar lauter unqualifiziertes Stammtischgeblubber von Hinz und Kunz mit, während man selbst sich mit fast niemandem aus seiner Gruppe unterhalten konnte, doch mit meinem besten Kumpel allein begnügte ich mich für den Moment auch. Die meiste Zeit über würden meine Augen ohnehin wie gebannt auf der Leinwand kleben, da lenkte Konversation nur unnötig ab.

Die Argentinier hatten bis dato ein merkwürdiges, glanzloses Turnier gespielt. Hinten standen sie dicht, vorne leitete ihr Weltklasseakteur Lionel Messi knappe Siege ein. Im Finale mussten sie allerdings wegen einer Verletzung auf den zuvor formstarken Ángel Di María verzichten. Auf deutscher Seite zwickte es indes Sami Khedira beim Aufwärmen in der Wade – für ihn rutschte kurzerhand Christoph Kramer ins Mittelfeld. Doch das Glück schien an diesem Abend zunächst nicht mit den Deutschen. Bereits früh im Match erlitt Kramer infolge eines Ellenbogenchecks eine Gehirnerschütterung und musste durch André Schürrle ersetzt werden. Die nächste Katastrophe bahnte sich an, als Toni Kroos in einem Anfall geistiger Umnachtung einen Kopfball in den Lauf von Argentiniens Angreifer Gonzalo Higuain spielte – der jedoch beim Abschluss kein Zielwasser getrunken hatte. Wenige Minuten später holte er dies leider nach und verwandelte eine Flanke mustergültig zum 1:0. Ein Schock für die Public-Viewing-Partygemeinde, welche die angezeigte Abseitsfahne dann allerdings wie ein eigenes Tor bejubelte. Durchatmen! Wenige Momente vor der Pause glich die deutsche Elf nach Großchancen aus, doch Benedikt Höwedes‘ Kopfball fand statt dem Weg ins Glück dummerweise nur den Torpfosten. Das hätte es sein müssen! Aber was konnte man von einem Schalker schon erwarten? Unmittelbar zu Beginn des zweiten Durchgangs ließ sich wiederum von Glück reden, dass Messi frei vor Manuel Neuers Tor eine Chance vergab, die er in 8 von 10 Fällen verwandelt hätte. Von solchen kurzen Schockern einmal abgesehen, hielt Abwehrchef Jérôme Boateng den Laden hinten jedoch weitgehend zusammen. Für Aufregung sorgte wenige Minuten darauf eine Szene, in der Neuer ohne Rücksicht auf Verluste in einen spektakulären Strafraumzweikampf mit Higuain ging – ein anderer Schiedsrichter hätte hier womöglich mit Platzverweis und Elfmeterpfiff das Spiel zugunsten der Argentinier entschieden, doch ich fand Rizzolis Entscheidung absolut vertretbar. Auf deutscher Seite scheiterte 10 Minuten vor Schluss Toni Kroos aus der Toni-Kroos-Gedächtnisposition mit einem Fernschuss, kurze Zeit später ertönte der Abpfiff.

Es half alles nichts: Verlängerung! „Bitte kein Elfmeterschießen“, betete ich nur in Gedanken. Das Gute am Public Viewing war immerhin, dass die Eventlocation so nah an meiner Wohnung lag, dass ich im Falle einer Niederlage schnell nachhause gehen und mich vor der Welt vergraben konnte. Auch die Extrazeit hielt schnell einen Schocker für das deutsche Team parat: Als sich der angeschlagene Mats Hummels böse verschätzte, stand Rodrigo Palacio plötzlich frei vor Neuer und scheiterte mit einem Heber. Das anfängliche Lob für den Referee relativierte sich derweil in den nächsten Minuten. Wie schon im desaströs gepfiffenen Champions-League-Finale 2013 ließ Rizzoli auch hier die Courage vermissen, klare Fouls zweier Argentinier mit Platzverweisen zu ahnden. Bastian Schweinsteiger musste infolgedessen gar im Gesicht blutend das Feld verlassen und kam erst einige Minuten später wieder zurück. Zum Glück. Die Präsenz des Mittelfeldbosses schien ungemein wichtig in diesen letzten Minuten der Begegnung. Und plötzlich passierte es: Schürrle tankte sich auf der linken Seite durch, in der Mitte zog Thomas Müller durch einen geschickten Laufweg die argentinische Defensive auseinander und machte damit den Weg frei für das bedeutendste Tor in Mario Götzes Karriere. Die Kombination des heutigen Ersatzbank-Duos von Borussia Dortmund ließ Deutschland in der 113. Minute mit einer Hand nach dem Titel greifen. Ich sprang zunächst meine Leute zum Jubeln an, dann auf die freigewordene Bank vor meinen Füßen und streckte meine Arme in die Breite. Ich war der König der Welt wie Leo in “Titanic”, schluchzte wie Frauen am Ende von “Titanic” und wollte am liebsten die ganze Leinwand umarmen – ein göttliches Gefühl.

Aber noch war nicht Schluss. Quälend lange Minuten zogen ins Land. Aber mit Neuer konnte uns doch nichts mehr passieren. Oder? Die letzten Momente: Messi dribbelte noch einmal durchs Mittelfeld – was sollte das? –, und Schweinsteiger, der auf dem heiligen Rasen des Maracanã die Schlacht seines Lebens austrug, grätschte ihn folgerichtig über den Haufen. Freistoß Messi aus guter Position. Scheiße! Ich klammerte mich wie ein hibbeliges Kleinkind an die Schulter meines besten Kumpels und wollte kaum mehr hinsehen. Messi lief zum Freistoß an … Messi verzog. Oh mein Gott. Das war’s. OH MEIN GOTT!!! Es war geschehen. Dabei hätte ich es nie für möglich gehalten! Jubel. Ekstase. Frenetische Freude. Die Siegerehrung: da, der Pokal! Das war zu schön alles. Ich ließ Rotz und Wasser minutenlang ihren freien Lauf. So fühlte sich also vollkommenes Fanglück an. Heute Nacht erschien selbst Autokorso gut und richtig. Feuerwerk in der Innenstadt. Sonntagnacht, alles strömte in diese eine Tanzbar. Im Freudentaumel wurde es irgendwann 5 Uhr. Irgendwann fiel man müde und erschöpft ins Bett. Irgendwann wachte man auf. Und merkte: Das alles war real. Wow.


EM 2016, Viertelfinale
Deutschland – Italien 7:6 (1:1) n.E.

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Deutschland gegen Italien, ein Aufeinandertreffen mit Tradition, einer überaus tragischen sogar: Noch nie zuvor konnte man die Italiener bei einer WM oder EM bezwingen. Zwei dieser schmerzhaften Duelle hatte ich live vor dem Fernseher miterlebt. Bei der WM 2006 vermieste die Squadra Azzurra der DFB-Elf das Finale Daheim, 2012 hieß es Endstation im Halbfinale von Warschau. Dementsprechend groß war mein Bammel, als sich Deutschland bei der EM 2016 per Gruppensieg in den unteren Turnierbaum katapultierte und damit im Viertelfinale auf Italien traf. Die Vorgeschichte um den großen Angstgegner trug ihr Übriges dazu bei, mich grenzenlos auf dieses Spiel zu hypen. Die große Frage lautete: Wie würde Jogi Löw auf Taktikfuchs Antonio Conte reagieren? Wenig überraschend mit einer Dreierkette – und der Stammtisch samt seinem Vorsitzenden Mehmet Scholl brodelte! Völlig zu Unrecht, denn der Matchplan ging auf und hätte ohne den Elfmeterpfiff nach Boatengs Volleyball-Move wohl in einem souveränen 1:0-Sieg resultiert. Gerade Mario Gómez und Mesut Özil wäre das goldene Tor überaus zu gönnen gewesen. Stattdessen steuerte die Schlacht nun ausweglos in Richtung Elfmeterschießen, dem allerersten in der Trainerära Löw.

Wie die meisten Fußballfans pflege ich zu Elfmeterschießen eine extreme Hassliebe, da hier innerhalb weniger Minuten ein emotional hochexplosives Alles-oder-nichts-Szenario heraufbeschworen wird, das den Begriff „Nervenkitzel“ gänzlich neu definiert. Allein dieses Spiel erschien sinnbildlich für ein solches Wechselbad der Gefühle: Kroos? Yeah, geil verwandelt! Müller? Fuck you, jeder Trottel weiß, dass du den Keeper ausgucken willst und den Ball dann so lasch in Richtung Tor schiebst! Özil? Oh nein, so schön gezielt und doch ganz bitter an den Pfosten! Das wird nichts mehr. Draxler? Unerwartet sicher, puh! Italiens Schützen neben den coolen Insigne und Barzagli dagegen zum Totlachen: Der extra fürs Elfern eingewechselte Zaza führte beim Anlauf einen Balztanz vor dem Ball auf, um ihn dann gekonnt über den Kasten zu dreschen. Der supercoole Pellè zeigte Neuer indes per Geste den Panenka-Lupfer an, haute die Kugel aber mit bestem Augenmaß links neben das Tor. 2:2 nach jeweils 4 Schützen – nun begann das noch dramatischere 1 vs. 1.

Das Zusammenspiel aus Bier und meinem Freundeskreis sorgte für die perfekte Atmosphäre in meinem 15m²-Zimmer. Als Bonucci an Neuer scheiterte, schien das Happy End zum Greifen nahe. Schweinsteiger trat zum Punkt und würde das Kind schon schaukeln – dachten wir. Doch als er den Ball über das Lattenkreuz zirkelte, vergrub ich mein Gesicht vor Entsetzen im Fußboden. Wie konnte er nur? Wer einen Matchball gegen abgezockte italienische Teams vergab, bereute das in der Folge oft noch bitterlich. Meine Angst nahm gar weiter zu, denn nun kamen die deutschen Abwehrspieler an die Reihe: Hummels? Gott sei Dank ins Tor gezittert. Kimmich? Überraschend souverän, was für Nerven! Boateng? Wie so oft like a boss. Italien hatte derweil herausgefunden, dass Neuer immer in eine Ecke sprang und man den Ball nur lässig in die Mitte chippen musste. Bis Darmian kam und denselben beschissenen Elfer wie Hector schoss: Den Neuer parierte – und Buffon nicht. Aus! Aus! Aus! Jaaaaaaaaaaaaaaaaa. Was für ein Erlebnis am Ende eines zuvor unspektakulären Geduldsspiels. Der Fluch war gebrochen! Zum Titel reichte es letzten Endes zwar nicht, doch emotional zehrte ich ohnehin noch ganz gut vom großen Triumph aus 2014.


Close but no cigar: WM 2006, Viertelfinale, Deutschland – Argentinien 5:3 (1:1) n.E.


Wird es Werder Bremen im letzten Saisonspiel am Wochenende gelingen, mit einem furiosen Auswärtssieg in Dortmund nach Europa zurückzukehren? Wahrscheinlich nicht, aber etwas verfrüht käme es ohnehin. Ein Fall für die Top 10 wäre diese Momentaufnahme dennoch, daher bleibt die Vorfreude auf das Spiel riesengroß. Der ganz große Wurf für Werder in Form einer Meisterschaft oder eines Turniergewinns in den kommenden Jahren erscheint aktuell hingegen noch ziemlich utopisch. Doch sag niemals nie! 😉

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Beitragsbild: assets.rappler.com
Artikel, Bild 1: bilder.t-online.de
Artikel, Bild 2: mediadb.kicker.de
Artikel, Bild 3: globalecho.org
Artikel, Bild 4: abendzeitung-muenchen.de
Artikel, Bild 5: spox.com
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12 Kommentare zu „Schweiß und Tränen, Pt. II: Die 5 schönsten Fußballspiele meines Lebens

    1. Geil, darum beneide ich dich echt! 2004 war noch eine blöde Zeit, ohne Internet und ohne Premiere-Abo – da blieb nur Radiokommentar + Sat1-Zusammenfassung am Abend. Mein liebstes Klasnic-Erlebnis war das Ligapokalfinale 2006 live im Stadion, als er die Bayern mit 2:0 abschoss. 🙂

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      1. Mein lieblingsklasnic Erlebnis war das Interview bei der Meisterfeier als er diesen rosa Hut trägt (den er vom Bruder einer Freundin von mir bekommen hat) und sich bei Oli Kahn bedankt, dass er ihm den Ball zurecht gelegt hat. Hach. Danach suche ich jetzt

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    1. Das Outfit ist und bleibt natürlich Legende! Cooler Typ, echt schade um seine Krankheit. Und ja, bei mir erscheint das als eingefügtes Video. 🙂 Gleich mal der Selbstversuch:

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  1. Ich kann dir mal meine Top 3 Liste der legendären verpassten Spieleteile, welche ich eigentlich unbedingt sehen wollte, geben.

    Nummer 1
    Deutschland – Brasilien 2014
    Das Spiel konnte ich zur Hälfte nicht sehen, da ich zwangsweise an diesem Tag nach Polen musste. Kollegen wollten fliegen, aber ich entschied lieber auf das Auto zu setzen, da ich nach Polen regelmäßig unpünktliche Flüge kannte und die Startzeit ungünstig war. Ich fuhr mit 3 Stunden Luft auf die gesamte Navizeit aus Deutschland los. Bei Berlin kam ich auf der A10 in ein Gewitter mit nachfolgender Vollsperrung der Autobahn. In Polen auf der Autobahn gab es nicht mal deutsches Radio. Ich hoffte nichts zu verpassen, Bleifuß auf dem Gaspedal, keine Pause und freute mich auf eine zweite Halbzeit. 20 Minuten nach Spielbeginn bekam ich einen Anruf, den ich echt für einen Scherz hielt. Am Ende verpasste ich „nur“ die legendäre 1.Halbzeit (wegen Stau) und konnte nur noch die zweite Halbzeit sehen. Die Kollegen verpassten das ganze Spiel, da der Flug nach Warschau ewig Verspätung hatte und sie nichts mitbekommen haben.

    Nummer 2
    Deutschland – Argentinien 2006.
    Ich war auf dem Flug Zürich – Berlin, der ewig vorher gebucht war durch die Firma. Das Spiel sollte genau über den Zeitraum des Spiels gehen. Ich war wirklich traurig. Als ich aus dem Flieger stieg und das Gepäck abgeholt hatte ging ich an der Kneipe in der 2. Etage relativ am Eingang von Tegel vorbei. Da sah ich noch, dass es scheinbar Verlängerung gab und konnte die spannendsten Momente noch sehen. Es gab einen Riesenauflauf fast wie Public Viewing. Die Leute lagen sich in den Armen und ich mit – genial !

    Nummer 3
    Deutschland – Argentinien 1986
    Mein Vater und ich kleiner Stift schauten das Spiel. Ich kann mich an so gut wie nichts erinnern bis auf diese Szene. Deutschland liegt bis zur 74. Minute 2:0 zurück. Irgendjemand von Deutschland (Rummenigge) schießt den Anschlusstreffer. Die Freude war bei meinem Vater und mir recht groß aber nicht überschwänglich. Jubel, natürlich ! Aber dann passierte das schier Unglaubliche. In der 80. Minute schoss Rudi Völler den Ausgleich ! Unglaublich, ein schierer Jubelsturm entlud sich und wir rannten beide raus und schrien in den Nachthimmel unseres Dorfes ! Minutenlang. Als wir völlig erschöpft wieder vor dem Fernseher erschienen stand es leider 3:2 für Argentinien. Ungefähr so, wie wenn Dortmund vs. Malaga, 3:2 für Malaga ausgegangen wäre.

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    1. Hey, danke für deine geteilten Storys! 🙂 Schon bitter, wie sehr einem manchmal die Arbeit die Freuden des Lebens vermiesen kann. Wenn du 2002 schon berufstätig warst, ließen sich die Viertel- und Halbfinalspiele von Deutschland wochentags um 13:30 Uhr wohl auch nur schwer verfolgen. Das WM-Finale 1986 war sicher eine schmerzhafte Erfahrung, aber umso schöner wurde bestimmt die ’90er-Revanche. Schöne Anekdote auch, dass Brehme nur deshalb zum Elfmeterhelden wurde, weil Matthäus‘ Schuh zuvor kaputtging.

      Meine kuriosen Spielversäumnisse: Ich bin damals 2004 bei Werders Pokalsieg während des Spiels eingeschlafen. Das legendäre CL-Finale zwischen Liverpool und Milan durfte ich nicht sehen, weil ich mich an dem Tag mit meinen Eltern gezofft hatte. Und als der HSV gegen Karlsruhe in der Verlängerung traf, musste ich gerade den Pizzamann empfangen. Überlebt habe ich zum Glück all diese Vorfälle.

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  2. 2002 war ich glücklicherweise noch nicht berufstätig und konnte alle Spiele sehen. Ich erinnere mich noch an die Umfragen „Wie weit kommt Deutschland“, die vor jeder Runde gemacht wurden. Da wurde Achtel- oder Viertelfinale häufig genannt. Aber Halbfinale oder gar Finale schien ausgeschlossen. Ohne den Titan wäre es sicher auch nicht so weit gekommen.

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    1. Oh ja, die Ära des Rumpelfußballs. Man hatte da durchaus Glück mit dem Turnierverlauf, dass dank des Gastgebers (und zu guten Teilen durch Schiedsrichtereinflüsse) die großen Namen Portugal, Italien und Spanien im oberen Turnierbaum eliminiert wurden. Somit erschienen die Gegner auf dem Weg ins Finale doch recht machbar.

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  3. Und hier kommen meine Top 4 Spiele:

    1. Landespokal Achtelfinale Sachsen-Anhalt: VfL Seeben : Lok Altmark Stendal 2:1 n.V.
    Seeben war zu dem Zeitpunkt in der Kreisliga gerade durch gute Spieler mit Ehrgeiz und Liebe zur Gemeinschaft verstärkt wurden und aufgestiegen. Überraschend aus Sicht vor Saisonbeginn waren sie dann Kreismeister geworden und haben dann im Landespokal auch einige deutlich oberklassigere Mannschaften weggehauen. Dann kam das Hammerlos. Oberligaabsteiger Lok Altmark Stendal kam mit riesigem Tross und Topleuten um Seeben abzuservieren. Für sie muss es eine erschreckende Anlage gewesen sein. Im Video von TV Halle erkennt man die alte Umsiedlerbaracke aus dem 2.WK sowie ein Heizhaus aus den 80ern, welches die Sportler mit eigener Hände Arbeit erbaut haben. Die Tore sind von der ehemaligen Feldhandballmannschaft selbst geschweißt worden. Ein komplett ungleiches Duell also. Das Spiel war auch hauptsächlich ein Spiel auf ein Tor, aber Seeben hatte einen überragenden Keeper, der das 0:0 festhielt. Dann diese eine Szene und plötzlich kurz vor Schluss das 1:0 für Seeben. Unglaublich, das Dorf stand Kopf, alle lagen sich in den Armen ! Ein Ansager am Mikrofon sagte zum Tor auch noch die Spielminute an. Der Schiri sagte später, wenn er das nicht angesagt hätte, wäre wohl abgepfiffen worden. So lies er noch eine Minute spielen. Stendal war nun wütend wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm und dann wirklich kurz vor Abpfiff passierte das 1:1. In dem Momnent haben die meisten gedanklich aufgegeben. Die Spieler waren am Boden zerstört. Aber es wurde weitergekämpft. In der Verlängerung machte sich vielleicht das harte Training der Seebener bemerkbar. Irgendwie gab es noch diese Kraftreserven und dann machen sie noch das 2:1. Es war einfach unfassbar und wunderbar. Es wurde tagelang gefeiert wie bei Asterix, wenn die Römer mal wieder fertig gemacht worden sind.

    http://www.mz-web.de/vfl-seeben-verschworene-truppe-mit-ehrgeizigem-ziel-9583200

    2. Kreispokal Halle: VfL Seeben : Wörmlitz-Böllberg 6:4 n.V.
    Seeben ging eigentlich als Favorit ins Rennen. In den Jahren davor hatte es die Underdogmannschaft ohne öffentliche finanzielle Mittel nur aus eigenen Ressourcen geschafft bis in die Landesklasse aufzusteigen. Alle hatten eigentlich auf Sieg gehofft, aber es sollte erstmal anders kommen. Seeben lag ab Mitte der 50er Minuten zurück und der Sieg war gedanklich schon abgeschrieben. In den letzten Minuten gab es dann ein letztes Aufbäumen bei dem der gebürtige Seebener (frühere HFC-Spieler) Zscheile buchstäblich in letzter Sekunde zweimal traf und in die Verlängerung rettete. Diese Moral brachte dann letztlich auch den Sieg ein. Auf dem Weg aus Halle wurde dann die Mannschaft am Stadtrand mit kurzfristig angespannten Pferdekutschen empfangen und es ging zusammen innerhalb eines Autokorsos zurück ins Dorf. Dort wurde bis tief in die Nacht gefeiert.

    http://www.mz-web.de/fussball-vfl-seeben-sichert-sich-halleschen-kreispokal-10046946

    Na gut. Nummer 3 und 4 sind die Spiele gegen Brasilien und Argentinien 2014. Da brauch ich vielleicht nicht viel zu sagen.

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    1. Haha. Seeben, dieses dunkle Nest noch hinter Trotha. Ein richtiger Nord-Süd-Schlager im Kreispokal. 😀 Das Video sieht auch nach feinstem Dorfkick aus, die Entstehung der Treffer ist ja jeweils mit kurios ganz gut umschrieben. Witzig auch, dass in dem Jahr dann am Ende die IMO Merseburg im Finale stand.

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