»Alles Schlampen außer Mutti!« – Slutshaming, eine gesellschaftliche Krankheit

Erinnert ihr euch an die berühmte 3er-Regel aus “American Pie 2“? Sie besagt, dass man bei Männern die Anzahl der genannten Sexualpartner stets durch 3 dividieren, bei Frauen sie hingegen mit 3 multiplizieren muss. Sprichwörter wie „Ein Schlüssel, der viele Schlösser öffnen kann, ist ein guter Schlüssel, doch ein Schloss, das sich mit vielen Schlüsseln öffnen lässt, ist ein scheiß Schloss!“ halten sich zudem hartnäckig und liefern eine Erklärung für dieses Phänomen. Gesellschaftlich wird eine Doppelmoral heraufbeschworen, die angesichts einer behaupteten Gleichberechtigung der Geschlechter beinahe befremdlich wirkt. Moderne Dating-Blogs zeigen, dass ein solches Weltbild zum Teil noch der Realität vieler Menschen entspricht, etwa wenn eine sexuell offene Frau von einem Mann derart konfrontiert wird: „10 Typen?! Boah, da kann ich ja froh sein, dass ich nicht die Nummer 11 bin. […] Das hätte ich nie von dir gedacht! Wie kannst du nur so was machen?!“ An anderer Stelle kommt es auf einer WG-Party beim Trinkspiel I Never unter einem halben Dutzend 20-jähriger Frauen zur Spielrunde „Ich habe noch nie einen One Night Stand gehabt“: Nicht eine der Personen trinkt – doch so manche Nase im Raum wird länger und länger.

In human sexuality, slut-shaming is a form of social stigma applied to people, especially women and girls, who are perceived to violate traditional expectations for sexual behaviors. (Wikipedia)

Slutshaming besitzt viele Gesichter. Die aufgeführten Beispiele zeigen, dass Frauen zu befürchten haben, sowohl von Männern als auch von anderen Frauen für ihr Sexualverhalten abgestempelt zu werden. Der Tiefenpsychologe Sigmund Freud sprach in diesem Zusammenhang vom so genannten Madonna–Whore Complex, der einen Dualismus im Denken vieler Männer beschreibt: „Where such men love they have no desire and where they desire they cannot love.“ Diese Männer sehen in einer Frau entweder eine Whore, den sexuellen Traum ihrer schlaflosen Nächte – oder eine Madonna, eine Heilige zum Heiraten. Während sie die erste Gruppe unreiner und verdorbener Frauen als beziehungsuntauglich degradieren, können sie für die respektierte Partnerin, die brave Hausfrau und Mutter ihrer Kinder, wiederum kein sexuelles Begehren aufbringen. Freilich ist dieses Weltbild von zivilisierten Good Girls und unkultivierten Bad Girls hochgradig konservativ geprägt. Doch auch heutzutage orientieren sich noch viele Frauen an solchen gesellschaftlichen Konventionen: So halten sie bei potenziellen Beziehungspartnern den Sex bewusst etwas länger zurück, kleiden sich extra nicht zu aufreizend oder nennen auf Nachfrage grundsätzlich nur eine einstellige Anzahl an bisherigen Sexualpartnern (ganz abgesehen von 3ern, 4ern oder Orgien).

slutshaming2.png
(Trusted Clothes)
Beitragsbild: Urbanette Magazine

Auch unter ihren Freundinnen präsentieren sich diese gesellschaftskonform handelnden Frauen – der gutbürgerlichen Moral entsprechend – zutiefst anständig. Um dem traditionellen Frauenbild gerecht zu werden, unterdrücken sie in Singlezeiten entweder ihren Sexualtrieb oder verheimlichen ihre Abenteuer, während sie sexuell freizügige Frauen insgeheim für ihre offene Attitüde bewundern. Öffentlich verurteilen sie deren Verhalten jedoch als schlampig und werten damit im Vergleich ihre eigene Reputation auf. Ein guter Ruf verbessert zwar ihren Wert auf dem Datingmarkt, doch stellen die Bad Girls mit ihrer verführerischen Promiskuität eine stetige sexuelle Konkurrenz für sie dar. Konkurrenz- und Statusdenken unter Frauen kann sich indes auch anderweitig in Slutshaming ausdrücken, wie eine Studie an einer US-amerikanischen Universität zutage förderte: Diese kam zu dem Ergebnis, dass Frauen aus Studentenverbindungen, die auf der sozialen Leiter im Dorm am höchsten standen, die Frauen niederen Ranges allein für deren Status als „Schlampen“ abwerteten, um sich von ihnen abzugrenzen. Mit ihrer ganz persönlichen Definition des Schlampenstempels stellten sie sich dabei zugleich einen Freifahrtschein für ihr eigenes Sexualverhalten aus (“For them, calling someone of lower status a slut is actually a sexual liberator: By defining the behavior of lower-status women as immoral, they’ve declared their own, serial hook-up behavior to be good, right, and honest.“ Psychology Today)

Verschiedenste Formen von Frustration, Antipathie und Neid können das Slutshaming beider Geschlechter hervorbringen. Was wird sich wohl der nette Durchschnittskerl Otto denken, der die Schönheit Bella nicht ins Bett bekommt, welche sich im Club immer nur von irgendwelchen „Arschlöchern“ abschleppen lässt? Was für eine „Schlampe“! Ihre durchschnittlich attraktive Freundin Judith muss indes feststellen, dass sie von den Typen im Club viel seltener angesprochen wird, während Bella jede Nacht mit dem heißesten Diskoflirt heimgehen kann: Was für eine „Schlampe“! Bei Gelegenheit versaut Judith ihrer Freundin vielleicht sogar noch die One Night Stands – natürlich unter dem Vorwand, sie vor den Arschlöchern (bzw. ihrer eigenen Schlampigkeit) beschützen zu wollen. Otto wird darüber hinaus erkennen, dass Judith, obwohl sie sich wie er im optischen Mittelmaß bewegt, immer noch bedeutend leichter an unverbindlichen Sex herankommt. Während er sich für seine Eroberungen hart ins Zeug legen muss, kann sie sich ohne großen Aufwand bedienen. Otto findet dieses Privileg für Frauen unfair und bewertet Judith, die diesen Umstand manchmal schamlos ausnutzt, als „billige Schlampe“. Dabei verkennt Otto in seiner Verbitterung zwei wesentliche Dinge: 1) Auch wenn Judith leicht an Sex herankommt, dürften diese One Night Stands für sie nicht selten unbefriedigend sein. 2) Judith zahlt für ihre Promiskuität einen gewissen Preis: Sie riskiert es, sich dem gesellschaftlichen Slutshaming auszusetzen.

Zur Vorbeugung von Slutshaming empfiehlt sich in erster Linie Diskretion. Geschlechtsverkehr betrifft im Prinzip nur die daran beteiligten Personen und bedarf keiner weiteren öffentlichen Ausbreitung, da ansonsten nur Tür und Tor für Tratsch – und damit auch Slutshaming – geöffnet wird. Moderne Dating-Apps wie Tinder oder auch Austauschsemester im Ausland stellen in dem Zusammenhang eine optimale Methode für Frauen dar, um unbeobachtet vom Freundeskreis auf Beutezug gehen zu können. Am allermeisten wäre jedoch mit einem gesellschaftlich offenen Umgang in Fragen der Sexualität gewonnen. Sex bereitet im Normalfall immerhin gehörigen Spaß und ist zudem die natürlichste Sache der Welt, ganz gleich ob mit Blümchen oder Peitschen, zu zweit oder zu acht, einmal oder hundertmal. Wer benötigt da schon scheinheilige Moralvorstellungen? Und anders als es der Madonna–Whore Complex suggeriert, handelt es sich schließlich bei allen Frauen um sexuelle Wesen (Asexualität außen vor gelassen). Es erscheint daher weitaus sinnvoller, nicht zwischen Heiligen und Huren zu unterscheiden, sondern vollkommen wertungsfrei anzunehmen, dass jede Frau beide Anteile in sich trägt. Inwiefern sie ihre natürlichen Triebe zum Ausdruck bringt, ist hingegen individuell verschieden und wird häufig davon beeinflusst, welchem gesellschaftlichen Bild die Frau entsprechen möchte.

Wäre es jedoch nicht viel schöner, sich von diesen gesellschaftlichen Fesseln der Kategorisierung endlich lösen zu können?

Hand aufs Herz, Männer: Wollt ihr denn nicht alle eine Partnerin haben (und Frauen: Wollt ihr denn nicht alle eine Partnerin sein), die …

  • … sich so sexy kleidet, wie sie eben gerade Lust drauf hat?
  • … auch schon beim ersten Treffen Sex hat, weil es eben auf Anhieb mit dem Partner passt und man die gesunden Triebe der Natur nicht künstlich unterdrücken will?
  • … ihre sexuellen Bedürfnisse nicht nur bereits genau kennt, sondern diese auch offen und ehrlich kommunizieren kann?
  • … dank vieler verschiedener Erfahrungen tendenziell bereits selbst gut im Bett ist?
  • … auch für die verrücktesten Fantasien des Partners ein offenes Ohr haben wird und sie gegebenenfalls sogar erfüllt, niemals jedoch verurteilt?
  • … sich bereits ausgelebt hat und nicht früher oder später in der Beziehung das Gefühl bekommen könnte, sexuell etwas verpasst zu haben?

Klingt all das nicht nach einem völlig legitimen und gesunden Lifestyle? Dann habe ich eine Bitte an die Slutshamer unter euch: Hört auf damit, über diese ganz natürlichen Verhaltensweisen zu lästern sowie Menschen dafür abzuwerten und zu verurteilen! Solches Mobbing ist nicht nur Ausdruck eines erheblich beschränkten Frauenbildes, sondern verpasst auch Sexualität im Allgemeinen einen negativen Anstrich. Zeigt Respekt, Offenheit und Toleranz. Werdet selbst zu der Person, die ihr tief im Inneren gern sein wollt, und gesteht allen anderen dieselben Rechte zu. So muss auch niemand mehr aus moralisch fragwürdigen Gründen jemanden beschämen oder selbst beschämt werden.

Love, Sex & Peace,

Starks

P.S.: Den Begriff der „männlichen Schlampe“ gibt es natürlich ebenfalls, aber das würde hier zu weit führen. Selbstredend ist Slutshaming auch gegenüber Männern unangebracht und nicht gutzuheißen.

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3 Kommentare zu „»Alles Schlampen außer Mutti!« – Slutshaming, eine gesellschaftliche Krankheit

  1. Guter Beitrag!

    Früher war ich da auch wesentlich Konzept-getriebener unterwegs. Heute weiß ich, dass man sich durch die ständigen (Be)Wertungen nur selbst Türen im Leben zu macht.

    Es gibt per se erst mal gar kein gut oder schlecht. Nur die eigenen Bewertungen spalten in gut und böse. Richter sind wir aber alle nicht.

    Love, Sex & Peace beschreibt es perfekt.

    Gefällt mir

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