Musik an, Welt aus: »Baby Driver«, der Actionhit des Kinosommers

Tanzend schlendert er durch die Straßen, angetrieben von den Klängen der Musik in seinen Ohren. Die Sonnenbrille sitzt ihm maßgeschneidert im Gesicht, als wähne er sich zu cool für diese Welt. Es ist Baby (Ansel Elgort). Kein Freund vieler Worte, lässt der Protagonist seine iTunes-Playlist sprechen – sowie ein perfektes Handling von Fluchtwagen im Feierabendverkehr nach Banküberfällen. Regisseur Edgar Wright schreibt Nicolas Winding Refns Arthouse-getränkten Kultfilm “Drive” mit Ryan Gosling praktisch neu für ein jüngeres Blockbuster-Publikum. Seine Hauptfigur wirkt wie ein hochbegabtes Wunderkind, das von den Eltern zu Versuchszwecken in einer fremden Umgebung ausgesetzt wurde, inmitten abgebrühter Gangster-Abziehbilder von Jamie Foxx und Jon Bernthal (“If you don’t see me again, I’m dead.”). Baby jedoch hat unlängst keine Eltern mehr, wohl aber einen Haufen Schulden bei Doc (Kevin Spacey), dem Boss der Crew. Im Herzen zwar gewiss kein Krimineller, so ist Baby doch jung und braucht das Geld, um sich in dieser harten Welt keine Kugel zwischen die Ohren zu fangen. Als ihm eine aufreizende Kellnerin (Lily James) dann allerdings noch Schmetterlinge im Bauch serviert, will er endgültig raus aus dem Business und lediglich einen letzten Job absolvieren …

Bei Edgar Wright befindet sich der Sommer-Blockbuster 2017 in überaus kompetenten Händen. In seiner berühmten Cornetto-Trilogie gelang ihm mit dem Zombiesplatter “Shaun of the Dead”, der Buddy-Cop-Action “Hot Fuzz” und dem SciFi-Bierfest “The World’s End” die richtige Mischung aus hochvergnüglicher Persiflage und eigenständigen Genrebeiträgen. Auch in seinem neuesten Streich offenbart sich eine vornehme Verbeugung vor der Filmgeschichte, wenn “Baby Driver” die von Computereffekten durchzogene heutige Kinolandschaft mit hausgemachter Action wie zu Hochzeiten des Kassettenrekorders aufwirbelt. Keine Frage, beim Auftritt des Baby-Hipsters dominiert Style over Substance. Der Inhalt der Geschichte samt Lovestory und Kindheitstrauma könnte abgedroschener kaum klingen, doch der Star ist selbstredend die Form: Zelebrierte Wright schon 2012 in seinem Film “Scott Pilgrim vs. the World” eine verrückte Dating-Quest in Videospielästhetik, so ließ er sich auch dieses Mal von populären Games inspirieren. In Anlehnung an Erfolgsreihen wie GTA oder Driver darf sich der Zuschauer im Kinosessel gut festhalten, denn Baby lädt ein zu rasanten Verfolgungsjagden durch die Stadt, bei denen kein Tempo zu hoch, kein Abstand zu gering sowie Bremsen nicht erlaubt ist – und zur Not richten es die Kollegen eben mit Waffengewalt. Was den Film darüber hinaus so innovativ gestaltet, ist sein feines Gespür für die akustische Ebene, sein häufig symbiotisches Zusammenspiel aus Bild und Ton. Zum Übertönen eines lästigen Tinnitus ist Baby stets mit Kopfhörern ausgerüstet und lässt uns unmittelbar am Soundtrack seines Lebens teilhaben, mit aller greifbarer Energie und Leidenschaft. Denn Musik ist nicht nur manchmal die Welt für ihn. Er braucht sie förmlich, um sich lebendig fühlen zu können.

Welchen Popsong es wohl benötigt, um in die perfekte Stimmung für einen Bankraub zu kommen? Das alles und noch viel mehr gibt es aktuell im Actionkracher des Jahres auf der Kinoleinwand des Vertrauens zu genießen. Ein Stück Musik vermag vielleicht nicht immer gleich die ganze Welt zu verändern, doch ein Ohrwurm mit Gute-Laune-Feeling klingt zumindest nach einem verdammt guten Anfang.

★★★ ½


Beitragsbild: Eventcinemas
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