»We Are Like the Dreamer«: Lynch & Frost zerbersten wieder die Szene

Wer die Originalserie “Twin Peaks” noch nicht gesehen hat, aber dies natürlich dringend nachholen möchte, geht bitte zu meinem ersten Artikel und kommt am besten erst nach Sichtung der ursprünglichen zwei Staffeln, des Prequel-Films “Fire Walk with Me” sowie des Revivals “Twin Peaks: The Return” hierher zurück. Sonst versteht man ohnehin kein Wort im Text. Enjoy the ride!


“IT IS HAPPENING AGAIN”

“You are far away”, unterstellte der Giant dem Protagonisten Dale Cooper in der Eröffnungsszene von “Twin Peaks: The Return”. Dem scharfsinnigen FBI-Agenten war soeben ein selbstsicheres “I understand” über die Lippen gegangen, als hätten 25 Jahre Hüttenaufenthalt seine Weisheit unerschüttert gelassen. Nur hatte er es denn auch wirklich verstanden? Die kryptischen Hinweise des Riesen, der sich später als Fireman (in der White Lodge erreichbar unter: 1-1-9) herausstellte, sollten ihm wie in guten alten Zeiten als Wegweiser dienen. Es war einmal vor 25 Jahren, da halfen sie dem jungen Dale Cooper bei der Auflösung des zentralen Mordfalls um die High-School-Ballkönigin Laura Palmer. Als die Wahl zur neuen Miss Twin Peaks kurz vor Abschluss der 2. Staffel näher rückte, missachtete Cooper jedoch eine Warnung des Riesen und besiegelte damit schlussendlich nicht nur sein eigenes, sondern auch das Schicksal seiner Geliebten Annie Blackburn. In der übernatürlichen Black Lodge floh der zuvor so mutige Protagonist vor dem ohrenbetäubenden Schrei der Laura Palmer und wurde für die nächsten 25 Jahre an diesem Ort eingesperrt – während sein Doppelgänger in Begleitung des Dämons BOB seinen Platz in der realen Welt einnahm.

Als der physisch zurückgekehrte und nun endlich auch geistig erwachte Cooper sich in “The Return: Part 16/17” von Las Vegas auf den Weg nach Twin Peaks begibt, um dort den Tag zu retten, rückt er als anfeuernder Zuschauer schnell ins zweite Glied. 2017 ist es schließlich die Aufgabe cartoonhafter Superhelden wie Freddie, für Recht und Ordnung im Kampf gegen das Urböse zu sorgen. Der diabolische Doppelgänger-BOB wird somit endgültig geschlagen, und selbst Coops romantischer Wiedervereinigung mit seiner alten Freundin Diane steht nichts mehr im Wege. Ende gut, alles gut?! Nicht mit Lynch, er möchte die Serie nach jenem klassischen Showdown nochmals zurück zu ihren Anfängen bringen: Nachdem Coopers Trugbild kryptische Traumlogik äußert (“We live inside a dream”), stürzt sich der FBI-Agent auf eine weitere heldenmutige Mission. In diesen letzten 80 Minuten der Staffel lässt er kurzerhand die Zeit zurückdrehen und die Münder der Zuschauer weit offen stehen. “It is happening again”, hieß es im Leitsatz des Revivals, doch wer hätte gedacht, dass dies im Endeffekt so wörtlich genommen wird? Welche Auswirkungen würde es für das gesamte Serienuniversum haben, dass auf einmal wieder Laura Palmer (a)live in einer Szene aus “Fire Walk with Me” über den Fernsehbildschirm flimmert und kein Geringerer als Agent Cooper sie im Gebüsch hockend beobachtet? Wenige Momente später führt der Protagonist die junge Schülerin schließlich durch die Wälder, hinweg vom Schauplatz ihrer anstehenden Ermordung, denn die Rechnung erscheint auf dem Papier ganz einfach: “The past dictates the future”. Wo keine Leiche, da auch kein künftiges Leid – Cooper will dem eigentlichen Happy End noch die Kirsche aufsetzen.

Doch er hat es offensichtlich nicht verstanden. Er, der White Knight mit Helfersyndrom, möchte Laura Palmer erretten, dabei hatte sie nie darum gebeten. Nur Laura selbst kann Laura retten, wie sie es einst in aller Stärke demonstrierte. Sie behielt den Lodge-Ring am Finger und ließ BOB nicht in sich hinein. Sie übernahm paradoxerweise Verantwortung für ihr Leben, indem sie den Tod wählte, und erfuhr am Ende von “Fire Walk with Me” Erlösung. Coopers Rechnung kann nicht aufgehen: Denn wo kein BOB, da gäbe es schließlich immer noch eine Judy, die Mother, das Experiment, den Zorn in Sarah Palmer. Zeitreisen schienen schon in Marty McFlys Ära nicht die sicherste Bank zu sein, und gerade in Twin Peaks ist mit den Göttern des Universums umso weniger zu spaßen. “You are far away”, hört man den Fireman gedanklich mahnen – wenn sich in den Schlussmomenten der Serie nun tatsächlich alles ganz weit weg von Normalität in Twin Peaks anfühlt.

Quelle: consequenceofsound


At night I’m driving in your car
Pretending that we’ll leave this town
We’re watching all the street lights fade
And now you’re just a stranger’s dream
I took your picture from the frame
And now you’re nothing like you seem
Your shadow fell like last night’s rain

So deuteten auch die bezaubernden Klänge der Chromatics den Lauf der Dinge lyrisch wohl bereits am Anfang voraus. Der Kreis von “Twin Peaks: The Return” als Serie mag sich am Ende also schließen. Doch im Twin-Peaks-Universum wurde der Lauf der Dinge maßgeblich verändert, der Kreislauf (irreparabel?) gebrochen – sinnbildlich hierfür steht die Halskette von Carrie Page.

Der Vorhang fällt mit einem letzten Schrei in dunkler Nacht.
For the last time … For the last time …


TWIN PEAKS IST KEIN MALBUCH

Im Dokumentarfilm “David Lynch: The Art Life” (2016) berichtet der Regisseur episodenhaft von prägenden Momenten aus Kindheit und Jugend, die seinen Weg ins Künstlerleben definierten. In einer jener Anekdoten führt er aus, dass er im Gegensatz zu seinen Geschwistern von der Mutter nie ein Malbuch geschenkt bekam. Sie habe ihren Sohn David für zu kreativ gehalten, um sich einzig auf das schematische Ausmalen vorgezeichneter Mandalas zu beschränken. So regte sie den Freigeist in ihm an und legte damit womöglich den Grundstein für seine Künstlerjahre. Im Laufe der Zeit vollzog Lynch schließlich den Sprung vom Maler hin zum Filmschaffenden – eine Entwicklung, die in seinen eigenen Worten beinahe folgerichtig erscheint.

Lynch: I was painting a painting about four-foot square and it was mostly black but had some green plants and leaves coming out of the black, and I was sitting back probably taking a smoke, looking at it, and from the painting, I heard a wind, and the greens started moving, and I thought, ‘Oh, a moving painting, but with sound.‘ And that idea stuck in my head. A moving painting.

Eine besondere Erwähnung sei an dieser Stelle Mark Frost, dem zweiten großen Mitgestalter der Serie, gegönnt. Fraglos stand sein Name auch dieses Mal im Schatten des exzentrischen Partners, sein Einfluss darf jedoch nicht unterschätzt werden. Auf inhaltlicher Ebene kann man sich die Zusammenarbeit der beiden Genies wohl etwa in dem Sinne vorstellen, dass Lynch die Bilder vorgibt, welche Frost mit Story umrandet. Seine literarische Karriere legt nahe, dass beispielsweise die legendäre Hüttenmythologie der Serie auf Einfälle von Mark Frost zurückgeht. Zur Produktionsgeschichte der 3. Staffel ist durch Sabrina Sutherland indes bekannt geworden, dass Lynch und Frost die Drehbücher der ursprünglichen neun Episoden gemeinsam schrieben, das Zusatzmaterial infolge der Erweiterung um neun Folgen jedoch komplett vom Regisseur entworfen wurde. Frost verfasste unterdessen das Buch “The Secret History of Twin Peaks” und segnete jeden neuen Drehbucheinfall von Lynch kritiklos ab. Die starke Fokussierung auf den Namen Lynch im Zusammenhang mit der Serie ergibt aber nicht zuletzt auch deshalb Sinn, weil er Regie zu jeder der 18 Episoden führte und somit selbst Frost’sche Ideen auf dem Fernsehbildschirm eine lyncheske Wirkung entfalten könnten.

„David Lynch hat sich nicht verändert als Regisseur, er hat sich weiterentwickelt, äußerte sich zuletzt Hauptdarsteller Kyle MacLachlan über den wichtigsten Mann hinter der Serie. Das Ergebnis ist in “Twin Peaks: The Return” überdeutlich zu bewundern. Denn Lynch reduziert auch sein Revival nicht auf die Mechanismen eines Malbuchs, sondern verfolgt den Anspruch, ein gänzlich neues Kunstwerk aus neuen und alten Zutaten zu erschaffen. An bloßer Fanfiction zeigt der Künstler glücklicherweise kein großes Interesse, zumal sie mehr als 25 Jahre später ohnehin nur Gefahr liefe, wie ein schaler Abklatsch zu wirken.

011
„I am dead, yet I live.“ (Bildquelle: Daily Express / Artforum)

Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, Shellys und Bobbys Tochter Becky in der Haupthandlung der Staffel zur irdischen Reinkarnation Laura Palmers avancieren und ihren Mordfall von einem gealterten Agent Cooper aufklären zu lassen, der dabei einen unveränderten Strudel der Kriminalität in Twin Peaks aufgedeckt hätte. Doch die Atmosphäre der Stadt wird im Revival bereits in wenigen prägnanten Momenten eingefangen. Herzzerreißend ist etwa die Szene, in der die gebrannten Kinder Norma und Shelly einen wehleidigen Blick auf den Missbrauch in der nächsten Generation werfen. Becky und Steven sind unlängst zu den frischesten Gesichtern des verkorksten Stadtgeistes aufgestiegen. Der Kreislauf von Drogen, Sex und Gewalt nimmt kein Ende in Twin Peaks, auch altbekannte Namen wie die Renault-Familie ziehen weiterhin die Fäden im Hintergrund. Und selbst Mama taugt für junge Leute wie Becky nicht immer als das beste Vorbild: So springt Shelly herzvergnügt in die Arme von Drogen-Kingpin Red. Nach Stevens vermeintlichem Suizid in den düsteren Wäldern bleibt das Schicksal der Verwandtschaft schließlich offen im Raum stehen.

Lynch: Many things in life just happen and we have to come to our own conclusions […] You can, for example, read a book that raises a series of questions, and you want to talk to the author, but he died a hundred years ago. That’s why everything is up to you.

Lynch verwehrt sich in Staffel 3 häufig konventioneller Erzähltechniken, dehnt an der einen Stelle Szenen vermeintlich überlang aus und vollendet an anderer Stelle nicht einmal wichtige Handlungsstränge. Doch möchte man die grausame Realität überhaupt immer vor Augen geführt bekommen? Stevens kryptischer letzter Monolog implizierte deutliche Schuldgefühle, sein “I did do it” – von Gersten Hayward in “No, she did it” korrigiert – legt den Tod Beckys infolge einer Überdosis oder eines Mordes des berauschten Ehemanns mehr als nahe. Möchten wir Bobby und Shelly wirklich in tiefer Trauer um ihre Tochter sehen? Alles einzig für den kathartischen Moment, in dem Bobby schließlich Red, den Mann hinter der Designerdroge, kaltblütig umbringen würde? Nur um letztlich wie vor 25 Jahren wieder in der Gefängniszelle neben James Hurley zu landen?

Nichts jedoch gegen nostalgische Erinnerungen: Tatsächlich wirken sie in geringer Dosierung umso effektiver. Als im Zuge der putzigen Lovestory von Nadine und Dr. Jacoby das langersehnte Happy End von Norma und Ed in die Wege geleitet wird, malt Lynch im Double R Diner eine Szene großer Gesten auf den Bildschirm und tränkt sie in schönsten, herzerwärmenden Kitsch. An anderer Stelle tauchen gar direkte Zitate aus der Originalserie auf, die auf den zweiten Blick nicht frei von Tiefe sind. Wenn James Hurley die altbekannte Performance von “Just You and I” im Roadhouse abliefert, weiß man zunächst nicht recht, ob man lachen oder weinen soll. Im nächsten Moment des Nachdenkens mutet die Performance umso sonderbarer an. Seit seinem Motorradunfall ist James nicht nur ruhiger geworden, auch scheint er in der Zeit stehengeblieben zu sein und seiner längst vergangenen Jugend nachzuhängen. Die gefühlvollen Blicke der mit einem anderen Mann verheirateten Renee legen nahe, dass James noch immer ein Faible für dramatische Liebesdreiecke besitzt. Ein weiteres denkwürdiges Zitat in der langen Reihe sehenswerter Roadhouse-Auftritte bildet in Part 16 schließlich Audrey Horne, die in einer surrealen Szene “Audrey’s Dance” zum Besten gibt – gefolgt von ihrem schreckhaften Erwachen. Audreys Story wird nicht weiter ausbuchstabiert, doch es muss befürchtet werden, dass auch sie tatsächlich im Jahre 1990 stehengeblieben ist. Ein unfreiwilliges Szenario wie ein 25-jähriger Aufenthalt im Koma oder in einer psychiatrischen Institution erscheint so realistisch wie tragisch, wenngleich es ihr immerhin den Blick auf die Eskapaden von Sohnemann Richard erspart hätte. Anderen Figuren ist der Prozess ihrer Alterung indes überdeutlich anzumerken: Die Log Lady mag weiterhin mit kryptischen Botschaften ihres Holzscheites von sich reden lassen, äußerlich ist sie jedoch bereits dem Tod geweiht. Lynch begleitet sie auf ihren letzten Momenten und lässt sie in einem emotionalen Farewell den verdienten Serientod sterben – lediglich vier Tage vor Darstellerin Catherine E. Coulsons Ableben in der Realität.

Nostalgie und Ambition gehen im Revival Hand in Hand: Lynch wäre wohl nicht Lynch, wenn er die unbegrenzten künstlerisch-kreativen Freiheiten seines Showtime-Deals nicht auch zu nutzen wüsste. Neben Twin Peaks weitet sich die komplexe Handlung der Staffel bis an Schauplätze wie New York, Las Vegas und Buckhorn aus und macht auch vor übernatürlichen Sphären nicht Halt. Besonders beeindruckend wirkt in Part 3 der Serie Agent Coopers Rückkehr aus der Black Lodge auf die Erde mit dem Zwischenstopp im Purple Room. Nicht nur hier wird deutlich, wie wichtig dem Künstler die formale Wirkkraft seiner Werke ist, da er die Möglichkeiten des Mediums mit visuellen wie auch akustischen Ideen nach Belieben ausreizt.

Auf die Spitze treibt Lynch dieses Konzept schließlich in der außergewöhnlichen Episode 3×08, die von vielen Kritikern und Zuschauern zu einer der besten Serienfolgen aller Zeiten ernannt wurde. Nach einer Viertelstunde unternimmt die Handlung einen Zeitsprung ins Jahr 1945, wo nach einem Atombombenausbruch die Entstehung der guten und bösen Mächte rund um Twin Peaks eindrucksvoll demonstriert wird. Einem surrealen Experimentalfilm gleich reihen sich hier alptraumhafte Segmente aneinander und hinterlassen einen verstörten Zuschauer.


TEACH ME HOW TO DOUGIE (LINK)

Über allen anderen kreativen Entscheidungen steht jedoch Lynchs und Frosts Mut, ihrem Publikum ausgerechnet den allseits beliebten Agent Cooper vorzuenthalten. Enttäuschte Fans sahen sich besonders in diesem Punkt in ihrer Erwartungshaltung gekränkt und bemängelten den fehlenden Charme der Serie in Abwesenheit des Strahlemanns vom FBI.

Something is happening here, and you don’t know what it is.
Do you, Mr. Jones?
‒ Bob Dylan, “Ballad of a Thin Man”

Dabei lässt Cooper auf den Spuren von Dougie Jones – sofern man sich darauf einlassen kann – kaum Wünsche offen! Sein Alter Ego bietet dem Zuschauer die Möglichkeit, die Nostalgie von Kaffee und Kirschkuchen in völlig neuem Gewand wiederentdecken zu können. Beispielhaft dient die vorzügliche Casinoszene mit den Mitchum Brothers, in der Lynch in einem perfekten Zusammenspiel von Bild und Ton die Magie von verdammt gutem Kuchen wiederaufleben lässt.

Nicht nur stellen Lynch und Frost abermals den Dreck unter der heilen Oberfläche in Twin Peaks bloß, auch wird mit den Abenteuern von Familie Jones das vorstädtische Leben aufs Korn genommen. Dougie-Coop steuert schier geisteskrank und teilnahmslos durch die Weltgeschichte, doch in diesem Milieu nehmen weder Familie noch Arbeitskollegen wirklich Kenntnis von seinem problematischen Zustand. Die Serie nutzt diese frischen Settings zunächst als Spielwiese für eine heitere Sitcom, doch bei näherem Hinsehen verbirgt sich dahinter im Prinzip eine Dramedy. Immerhin ist es unser geliebter Protagonist Agent Cooper, der in dieser leeren Dougie-Hülle gefangen steckt und keinen „Call for help“ absetzen kann. Es liegt an ihm allein, in seiner Umgebung trotz lauter auf ihn angesetzter Auftragskiller überleben zu können, und auf der Suche nach Erinnerungen schlussendlich zu seinem früheren Ich zurückzufinden. Dabei verdrückt er gar eine Träne der Rührung, als er nach 25 Jahren Gefangenschaft sein neugewonnenes Familienglück genießen darf.

Bei allem Zynismus, der in der Dekonstruktion der vorstädtischen Scheinidylle auch verborgen liegt, entsendet die Odyssee von Dougie-Coop doch eine zutiefst humanistische Botschaft. Selbst in seinem katatonischen Zustand gelingt es Cooper, Freude bei seinen Mitmenschen hervorzurufen. Während schlechte Personen wie Ike the Spike, Chantal und Hutch ein fatales Schicksal erleiden, hagelt es einen Geldregen für die obdachlose Frau aus dem Casino wie auch für die goldherzigen Mitchum Brothers und daraus resultierend Geschenke für Dougies Familie sowie seinen Vorgesetzten Bushnell Mullins.

Am Ende der Saga steht ein langerwarteter Payoff, der in seiner emotionalen Wirkung mit den bedeutendsten Szenen der Originalserie mehr als nur zu konkurrieren weiß. Um diesen Effekt überhaupt erzielen zu können, bedurfte es in erster Linie eines grandiosen Schauspielers wie Kyle MacLachlan, der die Dougie-Coop-Rolle in feinsten Nuancen auszufüllen weiß und selbst noch den kürzesten Dialogzeilen mit seiner Ausdrucksweise Gewicht verleiht. Unterstützung erfährt er dabei von einem großartigen Ensemble aus Naomi Watts, Robert Knepper, Jim Belushi oder auch Tom Sizemore, die als seine Mit- wie Gegenspieler der Las-Vegas-Story zu großer Unterhaltung verhelfen. Doch am Ende des Tages steht nach getaner Arbeit die Erkenntnis, dass Dale Cooper hier schlichtweg fehl am Platze ist. „I am the FBI“, stellt der Held in alter Frische fest ‒ und das FBI wird nun dringend im wahren Zuhause der Serie benötigt: in Twin Peaks.


“WE’RE GOING HOME”

In der Dokumentation “The Art Life” gewinnt man von David Lynch den Eindruck einer introvertierten Persönlichkeit, die sich zuhause stets am wohlsten fühlte ‒ womit nicht nur das heile Elternheim, sondern besonders das eigene Atelier gemeint war. Kein Wunder, denn draußen in der Welt lauerten viele verstörende Dinge: Einmal begegnete der junge David etwa einer nackten Frau auf der Straße, die aus dem Mund blutete. Sosehr diese schockierenden Impressionen ihm auch als Inspiration für sein künstlerisches Schaffen gedient haben mögen, sein eigenes Künstlerleben stellte sich Mr. Lynch stets so entspannt wie möglich vor.

Lynch: The art spirit sort of became the art life, and I had this idea that you drink coffee, you smoke cigarettes, and you paint, and that’s it. Maybe, maybe, girls come into it a little bit, but basically it’s the incredible happiness of working and living that life.

Auch in der dritten Staffel von “Twin Peaks” steht die Frage der Rückkehr, des Heimkehrens im Fokus. Es ist ein weiter Weg bis hin zum finalen Showdown, der Versammlung sämtlicher bekannter Gesichter in der familiären Sheriffstation von Twin Peaks. Selbst Laura Palmer soll am Ende noch sicher nachhause geleitet werden, wenn der durch die Zeit gereiste Agent Cooper sie in seinem ganz persönlichen Orpheus-Moment an die Hand nimmt. “We’re going home”, so seine Devise, denn dort ist es offensichtlich immer noch am schönsten.


Dale Cooper überlässt auch Janey-E und Sonny Jim die Möglichkeit, ihren Traum von Familie Dougie Jones hinter der roten Tür weiterleben zu dürfen (Bildquelle: nymag). Doch nach seinem eigenen Erwachen möchte er selbst kein Teil mehr dieser Illusion sein und kehrt stattdessen nachhause ins Städtchen Twin Peaks. Ebenso findet Mr. C, das Schatten-Ich des guten Dale, am Ende des Tages unfreiwillig in sein Zuhause zurück – in die Black Lodge, oder besser gesagt: in der Hölle schmorend, dort wo er schließlich hingehört.

Und noch jemand kommt schlussendlich zuhause an: Richard. In welcher fernen Parallelwelt er sich auch befinden mag, so scheint er doch zumindest den (Haus-)Schlüssel zu seiner „wahren“ Persönlichkeit gefunden zu haben. Er schläft einvernehmlich mit seiner geschätzten Diane – doch er tut es mechanisch. Er trinkt Kaffee im Judy’s – doch findet ihn nur okay. Er rettet die Kellnerin vor gewalttätigen Männern – doch senkt nicht einmal seine Pistole vor ihr, als er anschließend die Adresse ihrer Kollegin einfordert. Und zu allem Überfluss offenbaren sich gar Züge von Douglas Jones: Nicht nur wird Richard von Linda so wie Dougie von Dianes Schwester Janey-E geritten, auch steht ihm im weiteren Verlauf der Geschichte nur noch die blanke Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Weder mag sich die von ihm aufgesuchte Carrie Page an ihre Vergangenheit als Laura erinnern noch trifft er im Haus der Palmers wie erhofft Mutter Sarah an. Akribisch rätselnd löchert er die Hausbewohnerin mit Fragen, erhält mit den Namen Tremond/Chalfont jedoch nur beste Grüße von den Hüttenbewohnern, die ihm keiner Lösung näherbringen. Richard kommt mit seiner Umwelt nicht mehr zurecht und beginnt an seiner Realität zu zweifeln. Dieser Ort, diese Zeit fühlt sich wiederum ganz und gar nicht nach Zuhause an.

Somit avanciert “What year is it?” zum “How’s Annie?” der Neuzeit. Die Frage(n), auf die man keine Antwort mehr erhalten wird. Was künftig bleibt, ist Fantheorie – die Suche nach dem Hoffnungsschimmer in einem trostlosen Endzeitszenario, einer Manifestation des persönlichen Scheiterns unseres Helden. Der letzte Schrei der Carrie Page zerstört nicht nur die Elektrizität im ursprünglichen Familienhaus der Palmers, er evoziert auch verdrängte Erinnerungen an ihr Leben als Laura. Ob es jedoch von hier aus noch ein Zurück gibt, erscheint fraglich – eine vierte Staffel befindet sich aktuell wohl nicht in Planung. Doch geht es überhaupt wirklich um die Aufklärung einer simplen Jahreszahl?


“WHO IS THE DREAMER?”

Laura Palmers letzter Schrei, der Moment ihres Erwachens, stellt zunächst auch sie in die Reihe der vielen Träumer in “Twin Peaks: The Return”. Bereits Audrey Horne, Gordon Cole und selbst Bradley Mitchum hatten zuvor persönliche Schlüsselmomente in ihren Träumen erlebt, welche sie paradoxerweise die Realität klarer erkennen ließen. Schließlich trifft es auch noch Dale Cooper, der in seinem vermeintlich realen Alptraum plötzlich der Real-Life-Bewohnerin des Palmer-Hauses gegenübersteht. Selbst im Städtchen Twin Peaks schien zuvor das normale Zeit- und Raumverhältnis außer Kontrolle geraten zu sein, wie Ed Hurleys fehlerhafte Reflektion am Ende der 13. Folge zeigte. War ihm hier etwa sein Schatten-Ich einige Sekunden hinterher? Die Frage von Zeit und Raum führt somit auf direktem Weg zur Mythologie der Serie zurück, hinein in die übernatürlichen Lodges. Nur weil Part 18 den chronologischen Abschluss der dritten Fernsehstaffel bildet, warum sollte es sich dabei denn auch automatisch um das tatsächliche Ende der erzählten Geschichte handeln? So wohnt der allseits beliebten Theorie des final scheiternden Helden ein auffälliger Haken inne: Weshalb nämlich sollte der Giant – entgegen seiner positiven Absichten in der Originalserie – Agent Cooper mit seinen Hinweisen urplötzlich ins Verderben stürzen wollen?

Der Schlüssel zu des Rätsels Lösung dürfte daher im Wort “remember” verborgen liegen. Am Staffelanfang möchte der Fireman, dass sich Cooper an 430, Richard, Linda und die “two birds with one stone” erinnert – als hätten diese Ereignisse allesamt bereits stattgefunden. MIKEs kryptische Frage “Is it future or is it past?” wendet sich in diesem Falle also konkret an den Zuschauer. Wenn dieser die zweite Hälfte von Part 17 sowie Part 18 rezipiert, sieht er etwa nur einen Rückblick auf Geschehnisse, die sich bereits vor Coopers Rückkehr und damit vor der dritten Staffel ereigneten? Es wäre demnach naheliegend, Coopers alptraumhaft gescheiterte Retterfantasie als seine Erlebnisse, seine Lehren in 25 Jahren Black Lodge zu interpretieren. Offensichtlich besteht Cooper den Test in dieser Zeit wieder und wieder nicht, wie es bereits Lauras von Schreien begleiteter Abgang in Episode 3×02 demonstrierte. Im Serienfinale wird schließlich eine Version außerhalb der Lodge zur Schau gestellt: Über seiner Laura-Obsession misslingt dem White Knight Cooper nicht nur ihre unsinnige Rettung, auch verliert er mit Diane die Liebe seines Lebens. Schockiert wendet sie sich nach der Sexszene von seinem wahren Gesicht ab. Es verbleiben einzig Richard und Linda, Richard und Carrie, Fremdheit und Leiden.

Quelle: ewedit

Auf seinem Weg zurück nach Twin Peaks beweist der Protagonist schließlich, die Moral der Geschichte doch noch verstanden zu haben. Beim Anblick von Naido in der Sheriffstation realisiert er in seinem eigenen Schlüsselmoment, dass es sich bei ihr nicht nur um ein gesichtsloses, objektifiziertes Opfer aus seinen Fantasien, sondern tatsächlich um seine geschätzte Freundin Diane handelt. Die Uhr zeigt 2:53 an – analog zu Episode 3 ist es eine gute Zeit zur Rückkehr. “Twin Peaks” verabschiedet sich also tatsächlich mit einem Happy End. “See you at the curtain call”: Das Licht geht aus in der Sheriffstation, Cooper schließt die Tür im Great Northern Hotel hinter sich. Die chronologische Handlung findet ihr Ende, und Laura Palmer behält ihren finalen Frieden aus “Fire Walk with Me”.

Im Abspann verbleibt eine letzte Frage: Was mag Laura Palmer in der Black Lodge nur ins Ohr von Agent Cooper geflüstert haben? Der Schöpfer jener eben dargelegten Fantheorie schlägt ein vielsagendes “You can never save me” vor, welches eine schöne Verbindung zur bittersüßen Zeile “You will never have me” aus Lynchs Film “Lost Highway” aufweisen würde, die ebenfalls als Augenöffner aus einer falschen Realität diente. Denn Agent Cooper musste endlich aufwachen: nicht nur aus seinem katatonischen Dougie-Zustand (“You have to wake up”), sondern insbesondere aus seinen Retterfantasien (“You are far away”).

David and Mark, you’ve made my heart so full. Nachdem ich das für mich größte Kunstwerk aller Zeiten erleben durfte, bleibt mir nur noch ein Fazit: I am the dreamer.

★★★★★

Advertisements

2 Kommentare zu „»We Are Like the Dreamer«: Lynch & Frost zerbersten wieder die Szene

    1. So, bin zurück aus der Winterpause. 😉 Tendiere stark zu Nein. Ich denke, Lynch ist mit dem Abschluss in der Form sehr zufrieden.

      Wenn wirklich noch etwas kommt, wäre ich tatsächlich eher für einen 2-stündigen Film, der sich nur auf die Main Story fokussiert. Noch viel lieber wäre mir aber eine vollkommen neue Serie von Lynch und Frost. Für eine 2. Staffel von ihrem „On the Air“ sehe ich nämlich eher weniger Potenzial.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s