Wie Werder Bremen mit Kohfeldt ins Klo fällt

Nun ist es also offiziell: Florian Kohfeldt übernimmt den SV Werder Bremen mindestens bis zur Winterpause als neuer Chefcoach. Am 30. Oktober wurde Vorgänger Alexander Nouri von seinen Aufgaben freigestellt, nachdem ihm aus den ersten 10 Saisonspielen kein einziger Sieg gelang. Zum Geburtstag wünschte ich mir tags darauf einen guten Trainer – das schien leider niemanden zu interessieren. Als Interimscoach fungierte zunächst wie üblich der U23-Coach, nach kurzer Trainersuche und einer Niederlage gegen Eintracht Frankfurt (1:2) wurde jener Kohfeldt [Beitragsbild/Quelle: Deichstube] nun sogar bis auf weiteres befördert. Seine Referenzen sind rar gesät.

Das Kaderproblem

Mit 108 Ballkontakten und einer Passquote von 96 % avancierte der tiefliegende Spielmacher Florian Grillitsch im Dress der TSG Hoffenheim am letzten Spieltag zum Man of the Match beim 3:0-Sieg gegen den 1. FC Köln. In Bremen wird der so ballsichere wie passstarke Österreicher, der maßgeblichen Anteil an der Siegesserie der letzten Rückrunde besaß, nach seinem ablösefreien Wechsel im Sommer hingegen schmerzlich vermisst.

Manager Frank Baumann und Ex-Trainer Nouri erachteten es jedoch offenbar nicht für nötig, den Wegfall dieses wertvollen Spielertyps im Sommer aufzufangen. 1,2 Millionen Euro wurden hingegen in den Transfer des erfahrenen Kämpfertypen Jérôme Gondorf versenkt, seines Zeichens neuerdings Tribünenhocker, der nichts mitbringt, was es im Bremer Kader so noch nicht gibt.

Es erscheint zwar wie eine gute Basis, dass im Mittelfeld Bargfrede Bälle erobern kann, M. Eggestein Pässe über 5 Meter zielsicher zum Nebenmann bringt, Junuzović mit seiner Dynamik für schnelles Konterspiel taugt und Delaney sowie im Prinzip auch Gondorf von allem ein bisschen können, doch die Puzzleteile ergeben kein Ganzes. Ob man den fehlenden kreativen Mann im Mittelfeld nun 6er, 8er oder 10er schimpfen möchte, spielt keine große Rolle. Allein er fehlt. Dabei würde er um sich herum höchstwahrscheinlich alles verbessern können.

Wie schon in den Jahren unter Manager Eichin greift es daher zu kurz, eine Pro-und-Contra-Liste der getätigten Sommertransfers zu erstellen. Denn das eigentliche Problem sind stets die nicht getätigten Transfers, denen völlig zu Unrecht zu wenig Priorität eingeräumt wurde. Neben dem Fiasko im Mittelfeld ist vor allem die Personalsituation in der Innenverteidigung kritisch zu hinterfragen, wo trotz anfänglicher Suche am Ende eine interne Lösung in Form von Robert Bauer bevorzugt wurde – dem es schließlich gelang, in nahezu jedem Einsatz ein Gegentor zu verschulden. Auch gab man Nationalspieler Gnabry ersatzlos ab, der zuletzt zwar nicht mehr zur Startelf zählte, mit seiner individuellen Klasse jedoch einen wichtigen Kaderplatz besetzte. Das Fehlen einer solchen Offensivoption machte sich Woche für Woche in den erbärmlichen 90-Minuten-Leistungen von Fin Bartels bemerkbar. Oder möchte auf der Suche nach einer ernsthaften Alternative nun etwa jemand mit dem Namen Izet Hajrović ankommen? Fuck Hajrović.

Das Geld in den Bremer Kassen schien Insiderquellen zufolge auch im Sommer 2017 immerhin ausreichend vorhanden zu sein, mehr Mut zum Risiko indes nicht. Symbolisch hierfür steht vor allem der geplatzte Selke-Transfer Ende Mai, wonach es drei (!) geschlagene Monate bis zur Verpflichtung eines Stürmers dauerte. Wenig verwunderlich wirkt der neue Belgien-Bomber Belfodil jedoch selbst nach dem 11. Spieltag noch wie ein Fremdkörper im Bremer Spiel.

Wie soll sich der Trott der letzten Jahre mit diesem hanseatischen Sparkurs nur aufhalten lassen? Früher oder später wird im jährlichen Abstiegskampf auch einmal das notwendige Glück fehlen. Und Liga 2 würde statt Neuanfang wohl vielmehr Zusammenbruch bedeuten.

Die Trainerfrage

Was hat dies alles mit Neu-Trainer Kohfeldt, dem im letzten Jahr der knappe Klassenerhalt mit der U23 gelang, zu tun? Weder kann er den Profikader besser zaubern noch besitzt er die Erfahrung, um eine Soforthilfe darzustellen. Das Frankfurt-Spiel (1:2) vercoachte er bereits mit naiver Harakiri-Taktik und Wechselfehlern. Es hätte ihm deutlich besser getan, an der aktuellen ‒ eigens mitverschuldeten ‒ Krise seines U23-Teams weiter reifen zu können. Ihm als Trainer der Profis mit Tim Borowski nun jedoch einen weiteren Novizen als Co-Trainer an die Seite zu stellen, ist nackter Wahnsinn. Kohfeldt darf als hoffnungsvolles Trainertalent betrachtet werden, nur wenn man ihn zur falschen Zeit am falschen Ort einsetzt, ist er womöglich schneller verbrannt als einst Aymen Abdennour.

Um einen aktuelleren Spielervergleich zur Beförderung Kohfeldts zum sofortigen Cheftrainer zu bemühen: Man könnte aus der U23 auch Idrissa Touré, Niklas Schmidt und Johannes Eggestein gegen Hannover 96 in der Startaufstellung aufbieten. Auch das vermag in etwa 3 von 10 Fällen zu funktionieren, allerdings stünden die Wettquoten auf einen Misserfolg eben deutlich höher. Doch sollte das Schicksal eines Profivereins wirklich durch naive Hoffnungen bestimmt werden?

Bode
Photoshopper vor: Bode oder Baumann? (Bildquellen: finanzen.net/Amazon/BILD)

Immerhin stellte es sich als richtig heraus, bei Ex-Trainer Nouri die Reißleine zu ziehen. Was zum Anfang der Saison noch wie eine harmlose Ergebniskrise anmutete, verschärfte sich in Fehlerketten und wandelte sich zum Augsburg-Spiel in eine bedenkliche Null-Bock-Demonstration der gesamten Mannschaft. Die Unterschiede zum Auftreten des Teams im Frankfurt-Spiel unter Kohfeldt wirkten offenkundig. Es bestand also tatsächlich dringender Handlungsbedarf.

Natürlich kann aber auch Bruno Labbadia unmöglich die große Wunschlösung auf dem Trainerposten sein. Eine kurzfristige Stabilisierung wäre ihm zwar zuzutrauen, nur gäbe es keinerlei Entwicklung der Mannschaft zu erwarten, ehe man ihm im Herbst 2018 oder Winter 2019 die Entlassungspapiere in die Hand drücken müsste. Werder kann es sich jedoch nicht leisten, ein weiteres Jahr zu verschwenden. Man würde die grundlegenden Probleme nur vertagen. Und dennoch: Wenn sich der Aufsichtsratsvorsitzende Marco Bode vor die Mikrofone stellt und der Verhinderung des Abstiegs von nun an oberste Priorität einräumt, dann hätte man auf einen erfahrenen Mann wie Labbadia (o.Ä.) statt Kohfeldt setzen müssen.

Jedermanns Traumtrainer wie Tuchel oder Favre dürften leider nicht zu realisieren gewesen sein. Auf das Planspiel einer Großoffensive mit dem Hütter-Adolf aus Österreich reagierten die Young Boys Bern indes mit einer Vertragsverlängerung – die Schweizer möchten ihn lieber als Meistermacher behalten. Unklar für die Öffentlichkeit bleibt, wie es sich mit den vermeintlich soliden Optionen auf dem Trainermarkt verhielt, welche die „Benchmark“ Kohfeldt (O-Ton Baumann) überbieten könnten. Erachteten die Verantwortlichen die Weilers und Weinzierls dieser Welt etwa für nicht gut genug, oder fingen sie sich von ihnen jeweils Absagen ein? Vielleicht möchte man die Antworten auf diese Fragen aber lieber gar nicht wissen.

Es stehen definitiv schwierige Zeiten für Werder Bremen ins Haus. Misslingt die Kohfeldt-Lösung, könnte man somit immerhin die dilettantischen Verantwortlichen um Bode und Baumann loswerden. Doch ob ein Feuerwehrmann dann noch Schadensbegrenzung betreiben könnte? Und worin würde selbst bei einem Klassenerhalt unter diesem überhaupt Zukunftspotenzial liegen? Die Voraussetzungen für Werder Bremen schienen nach der Siegesserie der letzten Rückrunde so gut wie lange nicht, doch nur ein halbes Jahr später hat man einen noch tieferen Tiefpunkt erreicht. Mit offenen Augen glitten sie im Sommer ins Verderben …

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4 Kommentare zu „Wie Werder Bremen mit Kohfeldt ins Klo fällt

  1. Ich finde es gar nicht schlecht, dass man Kohlfeldt erst mal belässt, um Ruhe reinzubekommen. Ob jemand anderes den Karren aus dem Dreck ziehen kann, halte ich aktuell eher für fraglich. Muss ehrlich sagen, dass mir das Besonnene gefällt, anstatt Asche in einen Premium-Trainer zu buttern, der an der grundsätzlichen Problematik auch nichts ändert. Das setzt eben auch auch ein Zeichen, das nicht gleich „Abstiegskampf“ brüllt.

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    1. Spannend, wer nicht alles fußballaffin ist. 🙂 Ich war mal so frei, das „t“ in deinen ersten Beitrag zu editieren.

      Ich finde auch, dass man bei 3 Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz mit noch 23 ausstehenden Spielen nicht gleich den Notstand ausrufen muss. Allerdings läuft ein so unerfahrenes Trainerteam immer Gefahr, zunächst einmal Lehrgeld zahlen zu müssen (wie schon im Spiel gegen Frankfurt) – das kann dann recht schnell teuer werden, wenn in den nächsten 6 Spielen noch die formstarken Teams aus Hannover und Leipzig sowie Spiele in Leverkusen und Dortmund warten. Mir wäre das viel zu heiß. Ein Bundesliga-Club sollte immer verlässlichere Lösungen auf dem Trainermarkt finden können. Zumal Kohfeldt eben auch verbrannt wäre, wenn der jetzige Weg denn schiefgeht – so hat er sich seine Ausbildung sicher auch nicht vorgestellt.

      Und ein positives Zeichen im Sinne von Aufbruchstimmung setzt es leider auch nicht, wenn man sich Baumanns Außendarstellung zur Trainerfrage vor Augen hält.

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      1. Als fußballaffin – im Sinne von breit interessiert – würde ich mich nicht ganz bezeichnen, aber an Werder kam man in Bremen nicht wirklich drum herum (ist so verdammt klein^^) und ich verfolge sie immer noch gern. Ja, Baumanns Aussage fand ich auch wirklich unglücklich. Das hätte man anders machen können. Bist du aus Bremen oder hat dich das thematisch nur interessiert?

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