Der Rapetrain kennt keine Bremsen: Trailerpark auf »TP4L«-Tour

Der neumoderne Deutschrap-Mainstream ist schon ein ziemlicher Trümmerhaufen. Vereinzelt feierte der geneigte Hörer mangels Alternativen selbst Cloud Rap, dazu hat die US-amerikanische Trap-Welle unlängst auch den deutschen Sprechgesang infiltrieren (um nicht zu sagen: infizieren) können. Ob Palmen aus Plastik oder Grauer Beton – meine Ohren bluteten beiderlei in Strömen. Auf Veteranen erscheint dieser Tage ebenso wenig Verlass: Über den Comeback-Versuch der Beginner sei besser der Mantel des Schweigens gehüllt, bei Savas & Sido grenzt es an ein Wunder, dass sie sich zur eigenen Albumtour ihre eines Nachts hingeschmierten Texte überhaupt noch ins Gedächtnis rufen konnten, bei EGJ ruht man sich ebenfalls auf den Lorbeeren aus, und Eko Fresh musste seinen Run dreier hörenswerter Alben (2011‒2013) zuletzt zwangsläufig mit 3x Rotz kompensieren, um nicht doch plötzlich noch cool zu werden. Die neuesten Werke alter Selfmade-Sternchen wie Kollegah, Favorite, Genetikk oder Casper ließen sich indes problemlos durchspulen und auf 3 bis 4 Tracks je Scheibe reduzieren. Und K.I.Z., wo sind eigentlich K.I.Z.? Ach ja, die tourten gerade „Nur für Frauen“. Die Nachwirkungen dürften sie noch lange genug von einem nächsten Album ablenken. Oh, und weibliche Rap-Acts so wie SXTN? Lass mal lieber, brate.

Was wäre Deutschrap also ohne die einzig wahren Retter des Deutschraps? TRAI-LER-PARK!!! Hahaha, nein. Auch die Crackstreet Boys wirken unlängst nicht mehr wie der heißeste Scheiß am Horizont, gossen sie für ihr 2017er-Album „TP4L“ doch praktisch nur ihre altbewährten Zutaten nochmals neu auf. Eingängige Singsang-Hooks von Alligatoah verzieren politisch inkorrekte Verse rund um die gängigen Tabuthemen aus dem ironisch überhöhten Partyalltag. Der Popsound im Rapgewand mutet so gefällig wie belanglos an, keine Produktion hookt derart wie einst „Fledermausland“. Doch sei’s drum! Mit Trailerparks Musik ist es wie mit klassischer Dramenliteratur: In erster Linie wurde der Stoff für Aufführungen auf der Bühne konzipiert. Nach jenem schiefsten Vergleich aller Zeiten bleibt mir vorerst nur noch zu sagen, dass ich bisher nicht in den Live-Genuss Trailerpark’scher Lyrik gekommen bin und nach einigen Empfehlungen ihrer Konzert- und Festivalbesucher aus meinem Freundeskreis mich zur „TP4L“-Tour nun doch einmal entjungfern lassen wollte. Rektal, versteht sich.

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Wie frisch von der Bad-Taste-Party kommend betreten sie die Bühne: Neben den sonnenbebrillten Pimps Timi Hendrix und Sudden (jeweils mit Lila-Look!) sowie Kernasi Basti im Rollstuhl ist es dann doch Vorzeigebandmitglied und Paradiesvogel Alligatoah, der im orangen Anzug die meiste Aufmerksamkeit erregt. Wer hier darauf gehofft hat, endlich normale Leute anzutreffen, dem ist nicht mehr zu helfen. Unverzüglich greifen die Künstler auf der Stage zu dubiosen Substanzen wie Alkohol und Marihuana, um ihre schlechten Angewohnheiten zu zelebrieren. So sexualethisch desorientiert sie ansonsten aber auch erscheinen mögen: Selbstbefriedigung in der Öffentlichkeit findet dann doch nicht statt. Es handelt sich immerhin nicht (schon wieder) um ein FSK-18-Konzert, wir sind hier schließlich nicht im Velodrom 2016! Nichtsdestoweniger entsteht ein wilder Ritt durch die mehr als 6-jährige Bandgeschichte seit Alligatoahs Einstieg. Selbst von ihrem besten Album „Crackstreet Boys 2“ (2012) spielt die Erfolgscrew drei jener vier Tracks, die von der BPjM einst nicht aus Gründen auf den Index gesetzt wurden. Von Beginn an ist die Devise dabei glasklar:

Wenn du einer dieser Menschen bist /
Für den die Gürtellinie eine Grenze ist /
Du bei bitterbösen Texten auf die Bremse trittst /
Sind wir die falsche Band, die falsche Band für dich.

In dem einen Moment wird auf den Rapetrain aufgesattelt und im nächsten wild auf Hawaii gekokst, weil Alligatoah & Co. ihrem abgefuckten Ruf immerhin alle Ehre machen müssen. Warum denn auch nicht? Sterben kann man schließlich überall, also soll das Leben bis dahin wenigstens den maximalen Spaß bereiten, meinen die provokanten Satiriker! Ein solch kräftezehrender Lifestyle kommt natürlich nicht ohne Verschnaufpausen aus, in denen die Bühne einem Verbündeten überlassen wird: Pater Vortex mit Skimaske, seines Zeichens „Mensch ohne Grund“, der sich mit seinem Aragorn irgendwo zwischen Mittelerde und mittelalterlicher Penisschau bewegt, um nach dem Rappen wirre Jokes zu erzählen. Es bleiben für Fans also keinerlei Wünsche offen. Selbst den besonders bekifften Zuschauern, die sich womöglich auf die falsche Show verirrt und eigentlich ein Alligatoah-Solokonzert erwartet haben, wird gegen Ende hin ein besonderer Trostpreis gewidmet.

Gefeiert werden die Crackstreet Boys auf der Bühne wie Popstars. Trailerpark for Life? Man gewinnt den Eindruck, es hier mit klassischen Antihelden der Neuzeit zu tun zu haben. Sosehr sie sich auch um guten Rat für die Jugend mühen, stets brav und fleißig in der Schule zu bleiben, so verführerisch wirken die New Kids on the Blech doch als schlechtes Vorbild. In Zukunft könnten jugendliche Trailerpark-Fans zu den neuen Pausenhofrebellen und späteren Schulabbrechern avancieren, woraufhin auch sie durch Armut in die Popmusik getrieben werden. Dort, wo selbstentlarvende Tracks („Es folgt ein weichgespültes Album ohne harten Rap / Wir verraten die Musik für Kohle, so wie K.I.Z.“) mit Nananananana-Hooks tatsächlich zu kommerziellem Erfolg führen und man fast schon den Hut vor so viel selbstironischer Pose ziehen möchte. Humoristisch schwankt der Content der Band grundlegend munter zwischen wahnwitziger Unterhaltung und purem Fremdscham, manchmal sogar in ein und demselben Moment. Trailerparks berühmt-berüchtigte Aufforderung, Dicks für den Weltfrieden zu sucken, ist dabei fast schon pubertärer, als es die karikierte Jugend jemals sein könnte. Kurzum: Es bleibt primär Musik für die WG-Party nachts um 1 oder zum stumpfen Abriss in Konzerthallen sowie auf Festivalgeländen.

Und genau dafür stehe ich ja nun hier, eingequetscht zwischen all diesen schwitzenden Körpern im Publikum. Die geplante Schadensersatzklage für die musikalischen Verbrechen der Ruffiction-Armee im Vorband-Auftritt? Längst wieder vergessen. Meine Begleitung und ich starten zunächst gefühlt in zentraler Position, Reihe 15, sofort weiter nach vorn schielend. Kaum laufen die ersten Tracks an, deuten wir Thomas-Müller-Style die entstehenden Räume und lassen uns Stück für Stück näher in Richtung der Bühne schwemmen: Reihe 3 zentral, wow! Mittendrin statt nur dabei. Zu den ordentlich nach vorn gehenden Gassenhauern der Band wird in der Crowd eskaliert, was das Zeug hält, ohne dabei über die Stränge zu schlagen. Geschubst wird so lange, bis sich jeder Zuschauer wie bei 30 Grad in der Sonne fühlt ‒ so erhitzt wie verschwitzt, aber glücklich. Es bleibt ein einzelner Wermutstropfen: Der widerwärtigste Geruch auf Konzerten stammt weder von Joint oder Zigarette noch der Bierfahne eines Nebenmannes. Nein, am schlimmsten ist es, wenn jemand den Aufruf zur Härte der Poo Fighters zu wörtlich nimmt!

„Can You Feel the Love Tonight?“, fragt die Band im abschließenden Track der Veranstaltung. Ja, heute Nacht fühle ich sie schon. Doch mit Trailerpark ist es insgesamt weniger die große Liebe, sondern eher der Rausch des One Night Stands, der Fast-Food-ähnlich vielleicht Lust auf weitere gelegentliche Happen bereiten könnte. Vielleicht aber auch nicht. Irgendwann rufe ich euch bestimmt wieder an, Jungs. Wenn auch nicht gleich wieder am nächsten Tourabend.

Trailerpark sind im Juni 2018 bei Rock am Ring zu Gast. Schaut sie euch an, wenn ihr schon einmal da sein solltet! Für den Moment gehe ich nun jedenfalls weiter die coole „Zwielicht LP“ von Haze pumpen. Liebe Leser, weckt mich aus meinem weitgehenden Deutschrap-Tiefschlaf, falls Casper im Verlauf von 2018 zum zehnjährigen Jubiläum auf große „Hin zur Sonne“-Retro-Tournee gehen sollte. Dann bin ich wieder am Start. Bis dahin, peace out. Wer alle 19 Tracks der Setlist im Text findet, darf sie behalten.

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