WM 2018: Über die DFB-Schmach von Moskau und Kasan

Eine Rationalisierung des Scheiterns

Im Fußball kommt es manchmal auf Millimeterentscheidungen an. Wenn Manuel Neuer etwa im WM-Achtelfinale 2014 eine seiner Rettungsaktionen mit falschem Timing ausgeführt hätte, wäre man in Unterzahl vielleicht sogar gegen Algerien ausgeschieden. Anstelle des größten Triumphes der Löw-Ära hätte die Schmach dann also schon 2014 statt 2018 gestanden. In der Realität verzögerte sich der Abgesang auf den Ballbesitzfußball allerdings noch um 4 weitere Jahre.

Nicht Ballbesitzfußball selbst ist jedoch tot, sondern nur undynamisches Endloskombinieren ohne Durchschlagskraft (siehe auch: Spanien nach dem tödlichen Trainerwechsel). Kein Wunder also, dass das deutsche Spiel mit einem echten Mittelstürmer auf dem Platz direkt deutlich besser aussah. Auch der dynamische Sandro Wagner hätte dem Zusammenspiel (zusätzlich?) gut tun können, während der Verzicht auf Leroy Sané aufgrund des Überangebots in der Offensive zunächst zwar nicht tragisch erschien, angesichts der Formzustände von Müller, Draxler oder auch Reus aber doch Rätsel aufgab. Die Autoren von Spielverlagerung stellten in ihrem Podcast zum deutschen Turnierausscheiden gar heraus, dass die Linksaußen-Rolle Timo Werners ab dem Schweden-Spiel tatsächlich der idealen taktischen Einbindung von Sané entsprochen hätte.

Ein weiterer ihrer Kritikpunkte liegt indes auch für nichtstudierte Fußballanalysten auf der Hand: Die Stabilität der deutschen Elf war in den wichtigen Partien der letzten beiden Turniere einem dichten Zentrum zu verdanken, sei es mit dem dritten zentralen Mittelfeldspieler wie über weite Strecken der WM 2014 oder auch mit der 3er-/5er-Kette wie gegen Italien 2016. Um diese Stabilität zu gewährleisten, schob Löw seinen 10er Özil sogar notgedrungen auf den Flügel. 2018 jedoch zockte der Trainer gegen Mexiko mit der Doppel-6 aus Kroos und Khedira sowie Özil als 10er davor. Hinzu kamen noch weite Vorstöße von Rechtsverteidiger Kimmich, während wohl niemand über eine vernünftige Konterabsicherung nachgedacht hatte. Wo nur hatte sich Löw bloß so beschissene Inspiration hergeholt?

Natürlich ist es sinnvoll, dass ein guter Trainer versucht, sein Mittelfeld um Weltklassespieler wie Kroos und Özil herum aufzubauen. Doch entweder muss Khedira sich dann häufiger aufs Absichern beschränken oder aber wie gegen Schweden ein Ankersechser implementiert werden. Rudy mag zwar kein Topstar sein, trotzdem war es für das DFB-Team ein kurzzeitiger Segen, überhaupt nur einen Spielertypen wie ihn mit heiler Nase auf dem Platz stehen zu haben. Das Mexiko-Spiel hatte dem DFB-Team jedoch im Nachhinein betrachtet bereits die WM gekostet. Dem neuen verdienten Weltmeister aus Frankreich wäre ein solcher Ausrutscher gewiss nicht unterlaufen. Die Franzosen agierten zwar über weite Strecken glanzlos, aber doch zumeist sehr souverän. Hinten stabil – vorne effizient: Deschamps‘ Erfolgsformel ging wunschgemäß auf.

Löw hingegen enttäuschte als Taktiker bei der WM 2018 auf ganzer Linie. Seine Erfolge der Vergangenheit wurden wohl zumeist auch dadurch begünstigt, dass die Matchpläne im Großen und Ganzen aufgingen. Als man dieses Mal jedoch in allen drei Vorrundenspielen mit dem Rücken zur Wand stand, wählte Löw nur relativ einfallslose Harakiri-Antworten. So löste er etwa gegen Mexiko mit der Einwechslung von Reus für Khedira das ohnehin schon zugriffsschwache Mittelfeld komplett auf und holte stattdessen schlicht die Brechstange heraus. Im letzten Gruppenspiel schaute er indes eine ganze Halbzeit lang hilflos dabei zu, wie die deutschen Flügelüberladungen dem koreanischen Abwehrbollwerk nur ein müdes Lächeln abrangen. Löw wirkte unvorbereitet auf die vermeintlich machbaren Gruppengegner, und sogar Berti Vogts runzelte hierzu in einem überwiegend lesenswerten Interview mit RP Online nur verwundert die Stirn:

Sind Sie eigentlich im Vorfeld der WM vom DFB mal um Rat gefragt worden?


Vogts:
 Nein. Gestern habe ich mit Jürgen Klinsmann telefoniert. Der war total verwundert, dass sich auch bei ihm niemand vom DFB gemeldet hatte. Jürgen hat die Mexikaner mindestens 20 Mal beobachtet, ich habe sie auch zehn Mal gesehen. Warum ruft man nicht den Uli Stielike an, der in Südkorea war? Da wird dann ein Scout rübergeschickt, der sieht sich ein, zwei Spiele an, und dann ist gut.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat bei der WM 2018 definitiv nicht gut gespielt, das ist sicherlich jedem klar. Dennoch hätte es unter normalen Umständen eigentlich reichen müssen. Bei einem Gruppensieg mit durchaus möglichen 7 Punkten winkte zudem der machbare Weg über die enttäuschenden Schweizer, die leicht überhöhten Engländer und die im Tor nur mäßig besetzten Kroaten. Nun muss sich Löw jedoch bis in alle Ewigkeit fragen, wie das (quasi) 0:0 gegen Südkorea in eine Reihe mit Österreich 2008 (1:0), Ghana 2010 (1:0), Dänemark 2012 (2:1), USA 2014 (1:0) und Nordirland 2016 (1:0) hineinpasst. All diese letzten Gruppenspiele hatten gemein, dass sie das Ausscheiden des DFB-Teams bedeuten konnten, es aber jedes Mal (auf dem Papier) zu knappen Siegen reichte. Gegen Südkorea schienen die Deutschen nun noch nicht einmal zwingend zum Siegen verdammt. Ein wenig Schützenhilfe aus Mexiko hätte bereits zu einem lockeren Weiterkommen genügen können. Doch bei dieser WM kam tatsächlich alles zusammen, um das historische Debakel perfekt zu machen. Die von Pech, aber auch Unvermögen geprägte eigene Chancenverwertung sticht dabei besonders ins Auge. Aus dem Mexiko-Spiel bleiben vor allem Kroos‘ Lattenfreistoß sowie Brandts Pfostenknaller in Erinnerung – und über alle Spiele gesehen praktisch jede Torchance von Mario Gómez.


Ein emotionaler (Döner-)Spießrutenlauf

Die Hauptschuld am tatsächlichen Vorrundenaus trägt im Endeffekt allerdings der Türke allein. Özil ging zwar ähnlich unter wie all seine Kollegen, doch unter normalen Umständen hätten seine idealen Zuspiele auf Werner und auf Hummels im Südkorea-Spiel zwei Assists bedeuten müssen. Da er zuvor jedoch intern so schlechte Stimmung verbreitete, fehlte es seinen Mitspielern wohl an der nötigen Lust zum Chancenverwerten. Zur Posse um Özil wurde vielerorts eigentlich schon alles Relevante gesagt. Nicht sein Schweigen ist aktuell das größte Problem, sondern das Schweigen – die fehlende Rückendeckung – vieler in seinen eigenen Reihen. Einem Turnbeutelvergesser wie Bierhoff ging es freilich nur darum, mit einer Suche nach einem Sündenbock den eigenen Arsch zu retten. Das bequeme Grindel-Gesindel sucht sich eben bequeme Lösungen, um weiter bequem werkeln zu können.

In der #erdogate-Debatte spiegelte sich indes gewissermaßen die aktuelle politische Stimmung im Lande angesichts der Flüchtlingskrise wider. So dämlich und kritikwürdig die Bilder auch sind: Erdogan selbst wirkt eher wie ein willkommener Aufhänger (2016 störte sich noch niemand daran), die lautesten Kritiker hingegen erwecken vielmehr den Eindruck, Moslem Mesut nicht als den eigenen Nachbarn haben zu wollen. Reden soll er, sich zu Deutschland bekennen! Dabei hat es dieses Bekenntnis doch erst kürzlich beim Steinmeier-Besuch gegeben. Noch nicht einmal die türkische Staatsbürgerschaft besitzt Özil, der in Gelsenkirchen aufwuchs und die Türkei wie ein echter Deutscher vorrangig aus All-Inclusive-Urlauben kennen dürfte. Dann kann er doch auch die Hymne mitsingen! Bei Oli Kahn und Torsten Frings hat es damals aber auch keinen gestört.

Die harmloseste Anti-Özil-Haltung ist hingegen noch jene, die einzig von fußballerischen Vorbehalten zeugt. Von dem Mittelfeldregisseur wird stets das Besondere erwartet, obwohl oft auch das vermeintlich Einfache (wie Passsicherheit oder Bewegung im Raum) bereits sehr hilfreich für das Spiel einer Mannschaft ist. „Aber die Körpersprache!!!“, heißt es dann häufig noch. Nur warum sollte die von Belang sein, wenn die Pässe auch mit hängenden Schultern ankommen? Für sein Zweikampfverhalten wird Özil gewiss nicht in erster Linie aufgestellt, dafür sollte es andere Spezialisten im Team geben – von denen beim Siegtreffer Mexikos allerdings weit und breit nichts im Strafraum zu sehen war. Ein Anführer ist der introvertierte Özil ebenso wenig, und er muss es auch gar nicht sein, doch hierbei zeigt sich ein grundlegendes Problem dieser Mannschaft: Aktuell scheint diese Rolle nämlich niemand adäquat ausfüllen zu können. Das Führungsvakuum nach den Rücktritten von Mertesacker, Lahm und Schweinsteiger ist evident. Merkwürdigen Menschen wie Mats Hummels hört intern scheinbar niemand zu, deshalb müssen sie sich mit vagen Andeutungen nach den Spielen vor den Mikros auskotzen.

Der Rücktritt Özils wäre ein logischer Schlussstrich unter die PR-Peinlichkeiten des DFB in den letzten Wochen. Nur recht bald schon würden sich die Leute wohl fragen, warum das deutsche Spiel mit Draxler, Müller oder Reus auf der 10 plötzlich so unstrukturiert aussieht. Es bleibt daher zu hoffen, dass es in diesem Schmierentheater noch zu einer Wendung kommt. Von jener Personalfrage einmal abgesehen, wird es aber nicht minder spannend zu beobachten, welche größeren Lehren Löw im Hinblick auf die EM 2020 aus dem desaströsen Scheitern seiner Mannschaft ziehen wird. Theoretisch benötigt sein Team einen 6er à la Rudy und einen 9er à la Gómez im festen Stamm – diese Spieler sollten in den nächsten 2 Jahren aber lieber schnell noch auf Bäumen wachsen, und zwar bevorzugt in 1–2 Klassen besser. Dann jedenfalls steht der Mission EM-Titel 2020 nichts mehr im Wege.

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