Feeling #young: Gemischte Gefühle mit Neil in der Waldbühne

1Neil
(Neil Young Archives)

Eine Bausteinkasten-Kritik zu einem Konzert von Neil Young + Promise of the Real wäre schnell verfasst. Irgendetwas mit Woodstock, Hippies, lebender Legende, knarzenden E-Gitarren (Neil mit seiner legendären „Old Black“!), unverwechselbarer Stimme, Altrockern, Sohn von Willie Nelson, … ist fix in die Tasten gehauen, das positive Fazit selbstredend inbegriffen. Und gewiss, das Feuilleton irrt dabei auch nicht völlig: Gute Gitarrenmusik bleibt bei Profis eben auch live noch gute Gitarrenmusik, und solange Neil Youngs Stimme nicht am Tropf neben Bob Dylans hängt, passt auch der Gesamtauftritt. Dennoch gibt Neils Wortlaut im Bild mir Rätsel auf. Um es mit Sebastian Blottners Kritik in der Morgenpost auszudrücken: „Es ging müde los, die Stimmung im Rund erinnerte eher an eine Dampferfahrt als an ein Rockkonzert: Irgendwie hat man gute Laune, es passiert auch etwas, aber ebenso wichtig wie das Kulturprogramm sind auch Bratwurst, Bier und Freunde.“ Und tatsächlich, trotz aller stilistischer Vielfalt und einiger andächtiger Momente wollte der Funke erst zum wilden, rockigen Ende der Show vollends überspringen.

Eine Konzertkritik hängt freilich auch oftmals von der Erwartungshaltung des Autors ab. Handelt es sich um eine Tour, die den Titel von Neils letztem Album “The Visitor“ trägt? Dies war hier zum Glück nicht der Fall, ansonsten hätte ich aber möglichst viele Tracks aus jenem Werk hören wollen. Ist es dagegen eine Best-Of-Tour, so rechne ich selbstredend mit einer Kollektion aller nennenswerter Classics. Wäre ich nun bereits ein alter Hase, hoffte ich bei einer Werkschau wiederum vor allem auf viele hidden gems anstelle von schon dutzendfach Gehörtem. Grundlegend sollte es dem Künstler jedoch möglich sein, bei einer zwei- bis dreistündigen Show beiden Zielgruppen einen versöhnlichen Abend zu bescheren. [Note: Es ist mein erstes Neil-Young-Konzert, angesichts seines stolzen Alters von 73 Jahren möglicherweise mein letztes, und ja, meine Erwartungshaltung ging natürlich klar in Richtung Best-Of.]

Neil selbst dürfte sich seiner größten Hits überaus bewusst sein – zumindest blickt er gern mit besonderem Stolz auf das perfekte Trio aus meinem favorisierten Young-Album zurück (“reveals he’s still particularly enamoured of the trio of songs from 1969’s Everybody Knows This Is Nowhere“): “Cinnamon Girl“, “Cowgirl in the Sand“ und “Down by the River“. Zu Beginn seiner Europa-Tournee zeigte sich Neil Young sogar zunächst angenehm spendabel mit seinen Longtrack-Klassikern. Nach “Cowgirl“ und “River“ im dänischen Odense beglückte der Altmeister die Dresdner Fans schließlich mit “Cortez the Killer“ sowie “Like a Hurricane“. In der Berliner Waldbühne hingegen ging man bei allen vier Übertracks leer aus, einzig das wunderschöne “Danger Bird“ wurde zur Versöhnung gereicht. Willst du mich verarschen, Neil?

2NeilNein, ich möchte wirklich nicht “Field of Opportunity“, “Bad Fog of Loneliness“ und “Piece of Crap“ hören. Diese Tracks zählen noch nicht einmal auf ihren jeweiligen Alben zu den Highlights, also was zur Hölle haben sie hier auf einem Best-Of-Konzert verloren? Und wenn es nur einen einzigen 20-Minuten-Spot auf der Setlist zu verteilen gibt, dann wähle ihn doch bitte weise, Neil. “Ragged Glory“ von 1990 ist ein schönes Spätwerk mit überwiegend guten bis sehr guten Tracks. Über 5 Minuten von “Mansion on the Hill“ oder “Fuckin‘ Up“ hätte ich mich auch definitiv gefreut. Doch Neil, oh Neil, bleib mir doch bitte weg mit “Love and Only Love“! So ansprechend der Live-Jam auf der Bühne letztendlich war, es ist nicht unbedingt der Klassiker, den man (≙ 90 % aller potenziell Befragten) an dieser Stelle hören möchte. Mal ganz abgesehen davon, dass es bereits bei den letzten beiden Auftritten in der Waldbühne 2013 und 2016 gespielt wurde. Hinzu kamen vom selben Album noch weitere 15 Minuten für “Country Home“ und “Over and Over“. Dies ergab in Summe 35 gute Konzertminuten, die man für sich genommen kaum kritisieren kann – die in Anbetracht eines nur 125-minütigen Auftritts (40 Minuten kürzer als noch 2016!) jedoch den Platz für die heißersehnten Klassiker blockierten.

Neil Young in der Waldbühne 2019 fühlte sich unterm Strich also an wie ein Konzert von:

  • Guns N‘ Roses ohne “November Rain“, “Sweet Child O‘ Mine“ und “Welcome to the Jungle”
    (… denn “Knockin’ on Heaven’s Door” und “Paradise City” reichen doch.)
  • The Rolling Stones ohne “Gimme Shelter“, “Sympathy for the Devil” und “Jumpin’ Jack Flash”
    (… denn “Paint It Black” und “(I Can’t Get No) Satisfaction” genügen schließlich.)
  • Metallica ohne “One”, “Master of Puppets” und “The Unforgiven”
    (… denn “Nothing Else Matters” und “Enter Sandman” sind genug.)

Müßig zu erwähnen, dass bei GNR in Hannover 2017, bei den Rolling Stones in Berlin 2018 und bei Metallica in Berlin am letzten Wochenende all diese Stücke ein Teil der jeweiligen Setlist waren.

3NeilNeil, ich erwarte von dir weder lange Ansagen noch gekünstelte Publikumsinteraktion – und mit deinen stolzen 73 Jahren auch keinen dreistündigen Höllenritt mit 30 Tracks mehr. Aber ich erwarte, dass du dir in 2 Stunden die Zeit für die größten Klassiker aus deinem legendären Œuvre nimmst. Dann hätte ich in der anderen Hälfte auch nichts gegen 4 Fillertracks, 4 Archivperlen und eine 20-minütige Langfassung von “Bad Fog of Loneliness“ als Zugabe einzuwenden. Wenigstens ein 70-minütiges Grundgerüst aus den Tracks 1, 4–8, 9 oder 10, 13 + 14 meiner Wunsch-Setlist wäre doch nicht zu viel verlangt gewesen? Stattdessen hast du von diesen zehn Nummern nur ganze drei Stück live gespielt. Damit ist dir der Spagat aus Fanservice und der Realisierung eigener Wünsche in meinen Augen leider überhaupt nicht gelungen. Und das macht mich so verdammt wütend, Neil! Muss ich jetzt noch fünf weitere Konzerte von dir besuchen, um deine absoluten Standard-Klassiker überhaupt nur einmal live erleben zu können?

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