Auf Kruse folgte Krise: Werder Bremen tief im Abstiegskampf

Werder Bremen hat in der Saison 2018/19 nicht etwa die Euro League um 1 Zähler verpasst – sondern vielmehr die Champions League um 5 Punkte. Was hätte man schon davon gehabt, wie Eintracht Frankfurt als Siebtplatzierter durch Estland, Liechtenstein und Frankreich zu tingeln, nur um zum Ende der Hinrunde völlig überspielt trotzdem auf Platz 17 zu landen? Max Kruse Superstar hätte man auch auf Platz 7 kein attraktiveres Vertragsangebot vorlegen können, und andere Hochkaräter wären wohl kaum dem Ruf der Euro-League-Qualifikationsrunden gefolgt – das Europa-Ticket konnte nämlich erst 4 Tage vor Transferschluss gelöst werden.

Die Champions-League-Bühne hingegen hätte Werder zu neuem Glanz verhelfen und auch finanziell einen riesigen Schritt nach vorn bringen können. Seit der Saison 2010/11 erschien die Königsklasse Jahr für Jahr in beinahe illusorischer Ferne – doch nicht dieses Mal. Die Top 3 aus Bayern, Dortmund und RB Leipzig spielten zwar wenig verwunderlich in ihrer eigenen Gewichtsklasse, doch bei den „Besten vom Rest“ befand sich Werder auf absoluter Augenhöhe mit den üblichen Verdächtigen aus Leverkusen, Gladbach, Wolfsburg und Frankfurt (abzüglich Schalke 04). Wenn die finanzstarke Konkurrenz schwächelt, muss ein Verein wie Werder die Gunst der Stunde nutzen. Mit einer Bilanz von 8 Siegen, 7 Unentschieden und 2 Niederlagen spielte man in der Tat eine überaus beeindruckende Rückrunde. Mit Blick auf das Torverhältnis fehlten jedoch sechs weitere Punkte, um auch die viertplatzierten Leverkusener noch zu überholen. Nur ein einziger Sieg aus den sechs Aufeinandertreffen mit den Absteigern Hannover, Nürnberg und Stuttgart lässt leider verdientermaßen jeden noch so schönen Traum platzen.

Der hier anklingende Tenor soll natürlich nicht sein, dass Werders Schicksal ohne Champions-League-Teilnahme bzw. ohne Max Kruse von vornherein besiegelt schien. Nichtsdestoweniger wurde Werder Bremen als Achtplatzierter in seinen Möglichkeiten massiv eingeschränkt. Ohne die Einnahmen aus dem europäischen Geschäft den Abgang des Topstars und Kapitäns aufzufangen? Eine Herkulesaufgabe. Im Tauziehen um eine Leihe von Mittelfeldtalent Marko Grujić musste man sich etwa sogar der grauen Maus aus der Hauptstadt, Hertha BSC Berlin, geschlagen geben.

Zu allem Überfluss wurde Werder auch von weitgreifendem Verletzungspech verfolgt: Der durchaus entbehrliche Veljković verpasste die Sommervorbereitung und ließ somit einen möglichen Verkauf in Millionenhöhe scheitern. Die auf dem Papier nachvollziehbaren Einkäufe des routinierten, schnellen Innenverteidigers Ömer Top-Wrack sowie von Niclas Füllkrug, dem starken Mittelstürmer mit schwachen Kniegelenken, zahlten sich nicht aus, da beide verletzungsbedingt nicht einmal 4 Einsätze über die volle Spielzeit absolvieren konnten. Der Voodoo-Fluch auf dem Transfermarkt griff gar noch weiter um sich: Selbst Spieler, die bei Werder nur auf der potenziellen Einkaufsliste standen wie Kevin Stöger oder Nabil Bentaleb, verletzten sich schwer. Nicht nur bekam man am Ende keinen einzigen der Wunsch-8er, auch fiel mit Möhwald die einzige 8er-Alternative im Kader die gesamte Hinrunde lang aus. Weitere Leistungsträger der Defensive wie Abwehrchef Moisander und der solide Linksverteidiger Augustinsson verpassten zudem weite Teile der ersten Saisonhälfte. Mit einem solchen Aderlass und ständig wechselnden Abwehrreihen konnten sich natürlich unmöglich Automatismen entwickeln – dass man aus dem Spiel heraus sogar trotzdem meistens bundesligatauglich verteidigte, ruinierte man sich dann wiederum mit desaströsem Defensivverhalten in Standardsituationen.

Zu allem Überfluss kamen auch noch Formschwächen hinzu, sowohl erwartete (Maxi Eggestein nach der U21-EM, Pizarro und tlw. Moisander aus Altersgründen) als auch unerwartete (Pavlenka, Klaassen, Bargfrede), die zusammen mit der Überschätzung von eigentlich wohlbekannten Kaderspielern (Osako, Sahin, Friedl, Jojo Eggestein) im gewählten Spielsystem eine tödliche Mischung ergaben. Michael Lang statt Benjamin Henrichs entwickelte sich zur Sekt-oder-Selters-Frage der Transferperiode, und Bittencourt? 7 Millionen Euro sollte man als Werder Bremen vielleicht sinnvoller anlegen als für einen „idealen 12. Mann“. Dass der einzig wirklich gute Werder-Spieler der Hinrunde Milot Rashica der klarste Abgangskandidat im Sommer sein wird, bringt das gegenwärtige Dilemma gut auf den Punkt.

Darüber hinaus regierte das Zauberwort „Momentum“: Zunächst verlernte man das Siegen und fuhr Mitte der Hinrunde fünf Unentschieden in Serie ein. Obwohl hierunter dank Underdog-Rolle auch kleine Erfolgserlebnisse fielen, verlor man in Spiel 5 der Remis-Reihe völlig unnötig noch in der Nachspielzeit zwei Punkte gegen Freiburg. Hierauf folgten zwei Niederlagen gegen Gladbach und Schalke dank weiterer dummer Fehler – wonach Maxi Eggestein „Wir brauchen jetzt keinen Mentalcoach“ in die Kameras posaunte. Der anschließende glückliche Sieg in Wolfsburg weckte indes wieder Hoffnungen auf Besserung. Daraufhin jedoch im 6-Punkte-Spiel gegen die grottenschlechten Paderborner dank Ping-Pong-Gegentor in der letzten Minute zu verlieren und eine mögliche Pausenführung gegen den Goliath aus München binnen 3 Minuten noch komplett gedreht zu bekommen, schlug freilich aufs Gemüt. In den folgenden Halbzeiten gegen die Bayern und die Mainzer wurde man jeweils abgeschlachtet, am Ende lauteten die Ergebnisse 1:6 und 0:5. Besonders spürbar wurde die Verunsicherung schließlich im letzten Hinrundenspiel gegen die Kölner: Dank Angsthasentaktik entwickelte man null Torgefahr und lud den Gegner mit einem üblichen Konzentrationsaussetzer zum goldenen Tor des Spiels ein. Ein mental fittes Team wie der FC Liverpool überrennt noch jeden Gegner mit breiter Brust selbst in der 94. Spielminute, um den Sieg zu erzwingen. Bei Werder Bremen hingegen, so war zu hören, schrien sich die Spieler in der Halbzeit des Mainz-Spiels zwar zur gegenseitigen Motivation an – nur um dann allerdings weiterhin so lethargisch wie zuvor über den Platz zu schlurfen. Sicher, in den letzten 20 Minuten des Köln-Spiels mangelte es der Mannschaft dann wirklich nicht mehr am grundlegenden Kampfgeist, doch über die 70 Minuten zuvor wird zu sprechen sein – am besten mit dem Mentalcoach.

Die Winterpause kam nun also mehr als überfällig. So berechtigt es ist, auch Kohfeldt und Baumann bei selbstverschuldeter Erfolgslosigkeit infrage zu stellen, so wenig würde jetzt blinder Aktionismus helfen. Die Nibelungentreue zu diesen beiden Mitgliedern der Werder-Familie darf natürlich nicht so weit gehen, dass man mit ihnen in Liga 2 absteigt – das wäre einfach indiskutabel in einer Spielserie mit finanzschwachen Gegnern wie dem SC Paderborn, Fortuna Düsseldorf und Union Berlin. In der Wintertransferperiode erhalten die Verantwortlichen nun aber ihre Bewährungsprobe und dürfen Schadensbegrenzung betreiben. Bentaleb (oder ein vergleichbarer Spielertyp) und ein ausgereifter U41-Mittelstürmer sind Pflicht, alles andere wäre die Kür. Auch wenn ich mir um den Klassenerhalt Stand jetzt noch keine großen Sorgen mache, wird am Ende der Saison selbst im besten Fall nur ein verschenktes Jahr stehen. Nachdem man sich in diesem Sommer gegen einen großen Verkauf entschied, kann zur Saison 2020/21 dann sogar ein größerer Umbruch ins Haus stehen: Neben Veljković und Rashica wären auch Klaassen, Augustinsson, Osako, Maxi Eggestein und Pavlenka potenzielle, teure Abgangskandidaten. Aber zu diesem Thema kommen wir zu gegebener Zeit.

(Beitragsbild: werder.de)

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