Werder Bremen: Ein „Weiter so“ wird es geben

Wer hat 2019/20 eigentlich mehr Geld bei Werder Bremen verbrannt: War es Covid-19 oder etwa doch Frank Baumann?

Ein Absturz mit Ansage

Als Mesut Özil im Sommer 2010 die Bremer Champions-League-Truppe verließ, glaubte man bei Werder, das strukturelle wie kreative Vakuum intern mit dem Mitläufer Aaron Hunt und dem quirligen Chaoten Marko Marin ausfüllen zu können. 9 Jahre später drohte sich dieses Schreckensszenario zu wiederholen, als man Max Kruse, Herz und Seele des Werder-Spiels, intern durch das Auslaufmodell Nuri Sahin und das konstant inkonstante Add-On Yuya Osako ersetzen wollte. Die (oberflächlichen) Parallelen endeten an dieser Stelle noch nicht einmal: Statt dem so polyvalent wie kopflos agierenden teuren Brasilianer Wesley kam 2019 der vergleichbar teure halbbrasilianische Alles-und-nichts-richtig-Könner Leonardo Bittencourt neu ins Team und spielte stets bemüht die 10, die 8, den rechten wie linken Außenstürmer oder zentralen Halbstürmer und selbstredend auch beidseitig den 5er-Ketten-Außenverteidiger. Und wer glaubt, dass Kohfeldts Wunschspieler Michael Gregoritsch den Unterschied im Kader 2019/20 ausgemacht hätte, der vergisst wohl, dass bereits 2010/11 der neue „bullige Halbstürmer für die besonderen Momente“ – Marko Arnautovic – keine entscheidenden Akzente auf dem Platz setzen konnte. Der engagierte Mittelfeldmotor Torsten Frings wäre in diesem Szenario wohl Davy Klaassen, der pomadige Tim Borowski wiederum Maxi Eggestein. Und Philipp Bargfrede? Der bleibt Philipp Bargfrede. Unterm Strich passte die Mischung der Spielertypen sowohl 2010/11 wie auch 2019/20 vorne wie hinten nicht zusammen – nach erfolgreichen Vorsaisons mit 61 bzw. 53 Punkten folgte ohne Özil/Kruse verdientermaßen ein deutlicher Absturz auf 41 bzw. 31 Punkte. Mit Nabil Bentaleb wäre das vielleicht nicht passiert (das war Pech), mit einem Plan B in der Hinterhand aber sicherlich auch nicht (das war Unvermögen).

Zu mehreren Zeitpunkten der Rückrunde 2020 war der Zweitliga-Kader gedanklich bereits gebaut, da sprang Werder dem Tod in bester HSV-Manier letztlich doch noch einmal von der Schippe. Trotz erträglicher Leistungen nach der Corona-Pause sollte der Hinweis erlaubt sein, dass man 12 seiner 13 Punkte gegen zweitligareife Gegner einfuhr (Schalke, Köln, Paderborn und die spielerisch katastrophalen Freiburger). Bereits zuvor konnte man in der Rückrunde nur gegen vergleichbare Trümmerteams punkten, nämlich Funkels Düsseldorf und Nouris Hertha. Der Abstieg wäre aufgrund eines unterirdischen zweiten Saisondrittels verdient gewesen und wurde in erster Linie dank Düsseldorfer Inkompetenz abgewendet. Gott sei Dank. Denn obwohl sich für den gemeinen Werder-Fan nach einer ganzen Dekade des Schmerzes beginnend mit Özils Abgang nun durch das anbahnende Zweitliga-Abenteuer immerhin ein frischer Wind, ein wirklicher Umbruch mit rollenden Köpfen andeutete, wären die Sorgen doch auch eine Etage tiefer dieselben geblieben: Wen sollte man für die 6 holen, wen für die 10? Wie sollte man überhaupt einkaufen mit einem dicken Loch in der Kasse und nur wenig Tafelsilber? Und vor allem: Woher sollte der Optimismus rühren, dass es dann sportlich garantiert wieder bergauf ginge? Das Offensivspiel gegen mauernde Gegner, das in der abgelaufenen Saison bereits nicht funktionierte, hätte Werder in Liga 2 ganze 34x die Saison geblüht. Es bestanden also gute Chancen, sich mit dem HSV um den Titel der Lachnummer der Liga prügeln zu dürfen. Das wiederum sollte wahrlich unter Werders Würde sein.

Ein „Weiter so“ wird es nicht geben

Doch zumindest von Peinlichkeiten seitens der Verantwortlichen blieben auch Werder-Fans in jüngster Vergangenheit nicht gerade verschont. Bei der Pressekonferenz zum Saison-Fazit präsentierte Frank Baumann altklug die Statistik, dass Werder in der Vorsaison nur 13,3 Mio. € für Transfers ausgegeben hätte und die anderen Bundesligisten im Mittelwert 51,45 Mio. €. Was genau die Transfers von Lucas Hernandez und Benjamin Pavard mit Werders Katastrophensaison zu tun hatten, blieb jedoch leider unklar. Außerdem rechnete Baumann schlaumeierisch vor, dass Werder die Bundesliga-Mannschaft mit den deutlich längsten Ausfallzeiten im Kader war. So und so viele addierte Verletzungstage der Profis würden dabei auch in der Regel mit so und so vielen Punktverlusten in der Tabelle einhergehen. Werders Misere also ein ganz einfacher Fall von mathematischem Pech? Mitnichten. Erklären wir das Grundproblem doch am besten selbst mit einer Gleichung: Füllkrugs Knie + Bargfredes Knie + Bartels‘ Knie + Pizarros Alter + Moisanders Alter + Langkamps Alter + Sahins Alter + Topraks Tendenz der Vorsaison = ein ganzer Haufen kalkulierbarer Risikofaktoren. Allein auf diese Spieler entfielen insgesamt 112 Ausfälle an 34 Spieltagen. Abgesehen von Kevin Möhwalds ganzjährigem Fehlen und Ludwig Augustinssons 18 verpassten Spielen muss sich Baumi bei den Verletzten also zunächst einmal an die eigene Nase fassen. Erst dann sollte er mit dem Finger auf andere (Athletik-Team, Physios, Ärzte, Fußballgott) zeigen.

Frei von Selbstkritik blieb die PK zugegebenermaßen nicht. „Ich übernehme die volle Verantwortung“ ist zumindest ein wohlklingender Satz, wenngleich er ohne weitreichende Veränderungen doch nur eine leere Worthülse bleibt. Deshalb schob Marco Bode lieber zur Sicherheit noch die Floskel Ein „Weiter so“ wird es nicht geben hinterher, die jedoch gleich wieder relativiert werden musste: Aufbruchstimmung könne man nämlich keine verbreiten. Durch Covid und die Kaufpflichten wären die Kassen leer, ohne Verkäufe könnte man folglich kaum eine müde Mark für Neuzugänge springen lassen. Ein zwischenzeitlicher Transfer-Traum von „Unterschiedsspieler“ Max Kruse, der Struktur, Kreativität und Führungsrolle in einer Person vereint(e), platzte jäh, es verblieben nur Fragezeichen ob seiner tatsächlichen Motivation. Mario Lemina hätte ein spannendes Puzzleteil aus dem oberen Regal werden können, doch die Ironie des Schicksals ist zu bitter: Genau dann, als ein Supersechser für Werder zum Schnäppchenpreis möglich schien, fehlte es plötzlich am Kleingeld. Und zwar nicht nur wegen des Corona-Lochs in Höhe von ca. 30 Millionen Euro. Denn Frank Baumann und Florian Kohfeldt ernteten in diesem Moment auch die faulen Früchte ihrer Arbeit. Einerseits Ballbesitzfußball zu planen und andererseits Deals i.H.v. 20 Millionen Euro für einen Beißer ohne Spielintelligenz und einen holzfüßigen Konterstürmer auszuhandeln, verdient bereits die ersten 2 Abmahnungen. Für genau diese beiden Personalien aber auch noch ins finanzielle Risiko zu gehen (man verplante Gelder, die man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht hatte), rechtfertigt fast schon die Kündigung. Beim Selke-Transfer kann man sich immerhin noch mit dem Argument des gänzlich fehlenden Stoßstürmers und drohenden Abstiegs vor Augen herausreden. Möglicherweise hätte es dann aber auch bereits ein limitierter Turm wie Hendrik Weydandt als kostengünstige Lösung getan, da man Selke sowieso nicht richtig einzubinden wusste, er nebst Formtief nur in der Luft hing und das mittelfristige Schicksal ohnehin jedem klar war: der Bankplatz hinter Füllkrug.

„Stets bemüht“: Frank Baumanns Kaderplanung

Dabei bewies Baumann in seinen ersten Transferphasen noch ein gutes Händchen. Die Transferstrategie, talentierte Mehrwertspieler wie Pavlenka, Delaney, Rashica und Augustinsson zu moderaten Preisen in die Bundesliga zu holen, ebnete zusammen mit den Kruse- und Gnabry-Deals den Weg zurück in die Erfolgsspur. Als mit Delaney im Sommer 2018 jedoch die erste große Ablöse hereinkam, begann Baumanns Absturz. Er erkannte zwar noch richtig einige der Kaderbaustellen (ZM, DM, HS/ST), füllte die vakanten Posten allerdings mit Klaassen und den Bundesliga-Durchschnittskickern Sahin, Osako und Harnik völlig falsch aus. Klaassen ist in dieser Auswahl noch der beste Spieler, dennoch hätte man als Werder Bremen niemals 13,5 Millionen Euro für einen limitierten Box-to-Box-Spieler ausgeben dürfen. Dank Kruse spielte man in der Folge zwar die beste Saison seit Ewigkeiten, doch mit besseren Transfers wäre zum einen ein noch größerer Wurf möglich gewesen und zum anderen nach dem Abgang des Chefs kein marodes Konstrukt übriggeblieben.

Einen noch tieferen Tiefpunkt erreichte Baumann nun aber in der Sommertransferphase 2020. Der Schwierigkeit, erst nach Transfererlösen wirklich handlungsfähig zu sein, war sich Baumann bewusst. Er nahm die Herausforderung jedoch an und muss in der Folge sein Versagen verantworten. Das hörte sich dann so an: „Es war nicht möglich, unter den Gegebenheiten einen Spieler zu finden, der uns besser macht. Wir haben einige Optionen intern, den Verlust von Davy wettzumachen.“ Was für eine Bankrotterklärung. Im Endeffekt wollte er die drei Stammspieler Vogt, Klaassen und Rashica ohne bundesligatauglichen Ersatz abgeben, nachdem er wochenlang einen Stamm-6er angekündigt hatte und am Ende wohl nur noch die „Allrounder“ Bentaleb und Grujić auf Clemens Fritz‘ kreativer Shortlist standen. Die Neuen Erras, Schmid und Chong sind weder Upgrades in der Spitze noch die benötigten Spielertypen, die diese Mannschaft dringend benötigt. Auch der wiedergenesene Kevin Möhwald war vor seiner Verletzung nicht mehr als ein brauchbarer Joker. Das Verhalten im Ballbesitz bleibt ein kreatives Trauerspiel, die Mannschaft eine Ansammlung von Betamännchen (und das, nachdem man im Saisonfazit das Fehlen von Führungsspielern bemängelte). Sicherlich gibt es bei den Neuzugängen und den weiteren Talenten wie Mbom, Woltemade und Sargent leistungstechnisch auch noch viel Luft nach oben. In der Kaderzusammenstellung kann man dann allerdings nicht mehr von einer Strategie, einem echten „Plan“ sprechen, sondern nur noch von einem „Himmelfahrtskommando“.

Kohfeldt sah das ähnlich und stellte am letzten Spieltag gegen Freitag aus Protest nur 10 Spieler auf. Nick Woltemade hatte sich eher zufällig als 11. Mann auf den Spielbogen verirrt und unterbot gar noch Jojo Eggesteins Vorjahresleistungen. Maxi Eggestein, die neue Verlegenheitslösung auf der 6er-Position, wurde zum Mittelfeldchef ausgerufen, einfach weil es in diesem Mannschaftsteil keinen anderen gestandenen Erstligaspieler mehr gibt. Das einzig Gute am bisherigen Saisonverlauf ist tatsächlich der Blick auf die Tabelle, der Corona-Trend von Punktgewinnen gegen limitierte Teams (Freiburg, Bielefeld) und völlige Trümmertruppen (Schalke) setzte sich glücklicherweise fort. Es bleibt zu hoffen, dass am Ende dieser Saison besser 36 statt 31 Punkte zu Buche stehen und einige Talente auch ohne Bademeister das Schwimmen erlernen werden. Stand heute möchte ich die laufende Saison – und die darauffolgende – jedoch einfach am liebsten vorspulen. Da man Selkes Klausel bis zum Sommer ebenso schwer wieder loswird wie Covid-19, sind diese beiden Faktoren bereits jetzt eine heftige Hypothek für die Saison 2021/22. Den selbst erarbeiteten Aufschwung haben sich Baumann und Kohfeldt mit ihren Fehleinschätzungen und -entscheidungen in Windeseile wieder mit dem Arsch eingerissen und Werder damit gefühlt um Jahre zurückgeworfen. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Ein personelles „Weiter so“ darf es nicht geben.

Beitragsbild: ©AFP

2 Kommentare zu „Werder Bremen: Ein „Weiter so“ wird es geben

    1. Haha, ja. Ich habe immer ein paar Themen in der Schublade und recherchiere dazu auch. Aber ich setze mich da nie unter Zeitdruck, sondern will auf jeden Fall den Spaß am Bloggen bewahren. Da sind Unregelmäßigkeiten dann vorprogrammiert. 😀

      Gefällt 1 Person

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