Fragwürdige Frauenfantasien von Romantik & Sex, oder: Warum »50 Shades of Grey« der letzte Dreck ist

Es war einmal die Bella, die liebte den Edward. Doch der mysteriöse Fremde besitzt eine dunkle Seite: Als Vampir muss er seinen Blutdurst unter Kontrolle halten, um gefahrenlos mit der menschlichen Bella zusammenleben zu können. Dann kam in der echten Welt die brave Hausfrau E.L. James an, ein klassisches Groupie, das sich im Schreiben von Fan Fiction versuchte. Später wurde aus Bella also Anastasia, aus Edward Christian und aus dem gefährlichen Vampirismus die teuflische BDSM-Vorliebe, welche irgendwie sexy sein soll, aber doch das Liebesglück der beiden bedroht …

E.L. James ist in ihrem Buch sexualfeindlich, ohne es überhaupt selbst zu bemerken. Anstatt BDSM als sexuelle Neigung im Mainstream salonfähig zu machen, zieht sie die gesamte Szene konsequent in den Dreck. Ihr „Fifty Shades of Grey“ ist keine BDSM-Fibel, ja noch nicht einmal eine herzerwärmende Lovestory oder dergleichen, sondern von vorn bis hinten ein Werk über Missbrauch, der zur Romanze verklärt wird. Unzählige Leser gaben sich im Internet Mühe, auch die Autorin darauf hinzuweisen. E.L. James wählte jedoch einen reifen Umgang mit dem kritischen Feedback und blockierte sogleich alle aufgebrachten User auf ihrer Twitter-Seite.

Als hätte sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Sie, die …

  • … mutmaßlich untervögelte Hausfrau, die in ihrem Schlafzimmer beim Stricken von ein wenig kinky Sex träumte.
  • … offen einräumte, vorher keine Erfahrungen in der Materie besessen und lediglich mit ein paar Szeneleuten gesprochen zu haben.
  • … sich im Nachhinein damit rühmte, das Sexleben von Millionen ihrer Leser aufgepeppt zu haben.
  • … nur leider gar nicht merkt, wie gefährlich ihr „Lehrbuch“ zu diesem äußerst sensiblen Thema in seiner Vorbildwirkung für eine ganze Generation Heranwachsender überhaupt ist.

Die Story ist ein alter Hut: Die Durchschnittsfrau will ihren Bad Boy zähmen, der für sie – und zwar nur für sie – zum ganz lieben Kerl wird. Aber hier ist der Bad Boy kein solcher, der einfach nur viele Frauen am Start hat und so ein bisschen das charmante Arschloch mimt, sondern ein waschechter Missbrauchstäter! Nicht einmal die glühendsten Verfechterinnen des Buches können leugnen, dass Grey sich des Stalkings (Missbrauch kann neben physischer natürlich auch emotionaler Natur sein) strafbar macht. Denn es ist wirklich nicht unbedingt in Ordnung, wenn man als quasi Fremder unvermittelt bei Anastasia auf Arbeit aufkreuzt, ihre Anrufe zurückverfolgt oder später ihr Handy ortet, um im (Flucht-)Urlaub mit der Mutter in einer horrorfilmartigen Szene urplötzlich auftauchen zu können. Aber wie drückt es die Erzählerstimme, die Gedankenwelt der Protagonistin, gleich noch aus? „Stalker […] Doch weil er es ist, stört es mich nicht.“

Zugegeben: Es wird noch weitaus schlimmer.


Safe, sane & consensual
? Die Vergewaltigungsszene

Ja, es gibt sie: eine waschechte Rape Scene in „Fifty Shades of Grey“! Kein Rollenspiel, kein Interpretationsspielraum – sondern schlicht eine Straftat, die zur Anzeige berechtigt. Fight for this Love, Fangirls! Ja, man kennt das übliche Gegenargument hierzu: „Es ist doch aber keine Vergewaltigung, wenn sie mitmacht!“ Niemandem ist es zu wünschen, sich von diesem Szenario einmal ein eigenes Bild machen zu können. Aber ich verrate an dieser Stelle eins: Wärt ihr Ana in Kapitel 12, würdet ihr gewiss anders darüber denken.

Ein beliebter Vorwurf ist, dass Hater gern Szenen und Zitate aus dem Kontext reißen würden, nur um einen Punkt zu machen, dabei aber den Inhalt verfälschen. Keine Sorge, hier der Kontext: Ana gibt Grey im E-Mail-Kontakt scherzhaft den Laufpass. Unser Traummann kann nur leider gar nicht mit Zurückweisung umgehen und beschließt daher, sofort bei ihr zuhause aufzukreuzen. Wie immer liegt in der Lovestory von Ana und Christian bei ihren Dates knisternde Erotik in der Luft: „Ich sehe mich nach einem Fluchtweg um. Es gibt nur die Tür oder das Fenster.“ Kaum erhält Grey Zutritt zu ihrer Wohnung, fällt er sogleich über Ana her. „Der ist noch ein echter Mann, der sich nimmt, was er will!“, lechzt das Fangirl mit nassem Schlüpfer. Die Realität sieht hingegen so aus:

Nein … nicht meine Füße. Ich komme doch gerade vom Joggen. „Nein.“ Ich versuche, ihn wegzustoßen. Er hält inne. „Wenn du dich wehrst, binde ich dir die Füße fest. Und wenn du einen Laut von dir gibst, kneble ich dich, Anastasia. Still.“

In dieser Situation lässt sich definitiv kein spielerisch flirtender, einvernehmlicher Umgang erkennen. Stattdessen trifft ein klares verbales und körpersprachliches Nein der Frau auf die gänzliche Missachtung des Mannes. Indem dieser sie nach seinem Dirty Talk einfach sexuell benutzt, bricht er den Willen der Frau! Es ist dabei nicht entscheidend, dass Ana nur wegen verschwitzter Füße keinen Sex mit Grey haben wollte. Unabhängig davon werden in dieser Szene nämlich deutliche Grenzen überschritten; das Resultat ist eine Vergewaltigung als Teil der vermeintlichen „Lovestory des Jahrzehnts“.


Christian Greys falsch verstandenes BDSM

Doch E.L. James glaubt leider selbst daran, dass die Welt so aussehen sollte – oder dass das irgendetwas mit BDSM zu tun hätte. Dass sie die Szene jedoch leider nicht versteht, zeigt sich in der Figur Christian Greys überdeutlich.

„Es bedeutet, dass du dich mir freiwillig unterwerfen sollst, in allen Dingen.“ […] – „Warum sollte ich das tun?“ – „Um mir Vergnügen zu bereiten.“„Und was habe ich davon?“ „Mich.“

Ein unfreiwillig komischer Dialog: Eine „Sub“, die diese sexuellen Neigungen scheinbar gar nicht besitzt und daher nachfragen muss, was an dem Machtverhältnis sexuell erregend für sie sein könnte, trifft auf einen „Dom“, der glaubt, dass er selbst der Hauptgewinn sei und eine wahre Sub aus ihrer Unterwürfigkeit allein keine Befriedigung beziehen könne. Als Ana ihrem Christian nach einer späteren BDSM-Session ihr Leid klagt, antwortet er gar: „Es sollte dir auch nicht gefallen“. Irgendetwas hat der Mann an dem gemeinsamen Liebesspiel echt nicht verstanden. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch seine Definition einer Sub:

„Nun, während der gesamten beunruhigenden Prozedur habe ich mich […] misshandelt gefühlt.“ – „Wenn Sie tatsächlich so empfinden, könnten Sie vielleicht versuchen, diese Regungen zu akzeptieren, sich mit ihnen zu arrangieren? Für mich? Genau das würde eine Sub nämlich tun.“

Bitte was? Sie versucht ihm beizubringen, dass das Liebesspiel ihr ECHTEN seelischen Schmerz zugefügt hat … Und er redet ihr ein, dass sie das doch bitte als normal akzeptieren solle. Okay, Fans: Ihr mögt das Buch eigentlich nicht wirklich, oder? Bei so viel Gefühlskälte und Egozentrik wie in diesem Zitat muss man als normaler Mensch doch förmlich das Kotzen bekommen. Grey übersieht vollends die Person hinter der Sub-Rolle.

„Noch habe ich nicht unterschrieben“, flüstere ich. „Ich habe klipp und klar gesagt, was ich von dir erwarte. […] Ich werde dir den Hintern versohlen […]“

Die Basis von richtig verstandenem BDSM lässt sich in der Regel gut mit den Begriffen safe, sane & consensual zusammenfassen. Christian Grey praktiziert hingegen alles, nur ganz bestimmt kein sicheres, gesundes und einvernehmliches BDSM. Eine gelungene Beziehung dieser Art basiert auf massivem Vertrauen der Sexualpartner zueinander – im genannten Zitat begeht Grey jedoch einen Wortbruch und will seine Partnerin auch ohne deren Einverständnis (zum Vertrag) schlagen. Ein tolles Vorbild, der Mann. Dass er zu allem Überfluss völlig frei von Empathie ist, muss wohl kaum noch erwähnt werden. Schmerzhaft erscheinen seine Worte, nachdem Ana ihm ihr Leid nach der ersten Spanking-Session klagt: „Sie haben mich zu keinem Zeitpunkt gebeten, damit aufzuhören – Sie haben keines der Safewords benutzt.“ Wie kann dieser Wichser nur so eiskalt sein Victim Blaming betreiben? ER ist der Erfahrene, der die Hauptverantwortung tragen sollte, dass die Sub kein ernsthaftes Leid davonträgt. Stattdessen gibt er IHR die Schuld daran, dass sie in einer Situation, die sie als Anfängerin komplett überforderte, keinen Ton gesagt hat. BDSM gehört nicht in die Hände von Sozialkrüppeln, Mr. Grey! Anas Körpersprache hätte Ihnen mehr sagen müssen als jedes Safeword.

Wie lausig Christian Grey als Dom wirklich ist, beweist er zudem mit gerade einmal drei Worten nach ihrem ersten kinky Sex: „Ich muss gehen“. Okay, zum Mitschreiben: Wir haben hier eine Frau, die gefühlt gestern noch Jungfrau war und nun unvermittelt in ein sadomasochistisches Szenario hineingeworfen wurde (das ihr zu allem Überfluss mehr Schmerz als Lustschmerz bereitete), nach dem sie sich womöglich auch noch irgendwie schuldig und schmutzig fühlte. Und anstatt diese Frau in den Arm zu nehmen, mit ihr zu kuscheln und ihr ein gutes Gefühl vorm gemeinsamen Einschlafen zu geben (kurz: Aftercare zu betreiben), denkt dieses Arschloch nur an sich und seinen Selbstschutz, bloß weil er als Kind nicht geliebt wurde. Zurück hinterlässt er dabei eine potenziell traumatisierte Frau. Das ist doch brutal!

Liebe weibliche Buchfans, es ist bewundernswert, dass ihr auch die psychisch kaputtesten Fälle von Männern nicht aufgebt (solange sie gut aussehen und reich sind!) und auf ihre Läuterung hofft, doch das Ana-Christian-Verhältnis ist so damn fucked up, dass niemand mit gesundem Menschenverstand auch noch ernsthaft ihre Liebe supporten sollte. Er gehört für die Vergewaltigung in den Knast und für seinen Knacks in Therapie gesteckt, und ihr wäre nur zu wünschen, nach ihrer eigenen Therapie wieder ein normales Leben weit, weit weg von ihm führen zu können … Aber ihr glaubt an die heilende Kraft ihrer Liebe, verdammt! Aufwachen.


Kinky
Sex, der begeistert!

Wenn doch wenigstens die Sexszenen gut wären, könnte man die Verblendung der Fangirls vielleicht noch irgendwie nachvollziehen. Doch weit gefehlt! Natürlich werden auch diese vom problematischen Inhalt rund um die beiden Hauptfiguren überschattet. Es erschreckt mich immer wieder, wie wenig Empathie Fans des Buches offensichtlich für Anastasia Steele aufbringen wollen. Jede Frau hatte auf irgendeine Art Angst vor ihrem ersten Mal und empfand dabei zum Teil sicher auch mehr oder weniger große Schmerzen. Und jede wird sich insgeheim vor allem eins gewünscht haben: einen Partner, der ihre Entjungferung nicht als Bereinigung der Situation, als „Mittel zum Zweck“ oder als passenden Zeitpunkt für hartes Ficken angesehen hätte. Wie allein diese Dynamik rund um Anas erstes Mal nicht dazu führen kann, dass man Christian Grey auf der eigenen Sympathieskala irgendwo zwischen Fußpilz und Donald Trump verortet, ist mir unbegreiflich. Immerhin besinnt er sich dann doch noch, dass Blümchensex zumindest beim ersten Versuch akzeptabel ist.

Weitaus schlimmer als das ist jedoch die Beschreibung einer späteren Sexszene der beiden:

Meine Augen quellen beinahe aus den Höhlen vor Schmerz. Ich versuche aufzustehen, doch er legt seine Hand zwischen meine Schulterblätter und drückt mich noch weiter nach unten. […] Ich gebe keinen Laut von mir, doch mein Gesicht ist schmerzverzerrt. Ich versuche, mich ihm zu entwinden […] Tief in meinem Inneren verspüre ich den Wunsch, ihn zu bitten, er möge endlich aufhören. […] Insgesamt sind es achtzehn Schläge.

Das sagt doch alles: Sie hat weder masochistische Neigungen noch irgendwelchen Spaß an dem Akt – es tut ihr einfach nur weh. Sie möchte dem entfliehen, traut sich aber nicht, weil sie Grey sonst verlieren würde. Er hingegen zieht schlichtweg sein Programm durch. Das sind Zeilen, die für den Leser extrem schmerzhaft sein sollten. Denn wenn 18 (!) Schläge keine sexuelle Befriedigung bringen, was sind sie dann noch? Gewalt. So viel zur traurigsten und abscheulichsten Lovestory des Jahres. Die entzückte Leserin mag sich selbst in die Hauptrolle hineinfantasieren und die entsprechenden Neigungen wenigstens noch besitzen. Dann könnte man die Umdeutung (!) des Schauspiels als sexy Softporno im Kopf der Rezipientin immerhin noch nachvollziehen (auch wenn der Typ trotzdem ein gefährlicher Irrer wäre, vor dem man sich generell in Acht nehmen müsste). Aber „Fifty Shades of Grey“ als literarisches Werk und wissenschaftlicher Analysegegenstand ist eben auf dem Papier eine entsetzliche Geschichte über Ana und Christian. Ich könnte auch noch auf die sechs Gürtelschläge am Ende eingehen, die Ana unter Tränen genießt, ähm, erleidet, ohne dass Grey auf die Idee des Abbruchs kommt, doch eigentlich ist alles schon gesagt.


Seelenqualen und Angst vor Gewalt

Anastasia Steele hat nämlich wirklich Angst vor Schlägen. Leider bekommt sie immer wieder welche ab. „O Mann. Er will mir also wehtun. Wie soll ich damit umgehen? Ich kann mein Entsetzen nicht verbergen“, das lässt sich wahrlich nur schwer doppeldeutig interpretieren. Sie gewinnt diesbezüglich auch keine neuen Erkenntnisse – selbst gegen Ende des ersten Romans heißt es im Dialog mit Grey noch: „Ich vertraue dir. Aber wenn du mich bestrafst, habe ich Angst, dass du mir wehtust“. Bei diesem Zitat sollte einem ohnehin die Spucke wegbleiben, denn wie kann man sich innerhalb von zwei Sätzen nur so sehr widersprechen? Generell hinterlässt das Buch in vielerlei Hinsicht einen ambivalenten Eindruck, nicht zuletzt auch aufgrund seiner inkonsistent gezeichneten Progatonistin. So sind die sexuellen Szenen zwischendrin immer wieder mit Gedanken gefüllt, die Anas angebliche Lust am Akt ausdrücken sollen. Leider bilden die gegensätzlichen Gefühle einen viel zu schockierenden Kontrast, um die Handlungen Christian Greys damit ernsthaft noch schönreden zu können. Nicht nur sagt sie ihm an einer Stelle direkt ins Gesicht, dass sie sich misshandelt gefühlt habe, auch spricht ihre Gedankenwelt oftmals eine überdeutliche Sprache:

Scheiße. Hört der Typ denn nie auf? Er erdrückt mich förmlich. Die Furcht liegt wie ein Stein in meinem Magen, als ich seine Nummer wähle. Beklommen warte ich darauf, dass er abhebt. Wahrscheinlich wird er mich zur Strafe windelweich prügeln. Ein deprimierender Gedanke.

Doch nun fühle ich mich benutzt – ein Objekt, das ihm zur Verfügung steht, wann immer ihm gerade der Sinn danach steht. […] Plötzlich überkommt mich das überwältigende Bedürfnis, in Tränen auszubrechen, während sich ein Gefühl unendlicher Traurigkeit in meinem Herzen ausbreitet.

Ich vergrabe den Kopf im Kissen und lasse meinen Tränen freien Lauf … zum ersten Mal seit vielen Jahren weine ich mir die Augen aus dem Kopf […]

(Quelle: Pinterest)

Ladies and Gentlemen, wir haben ein Missbrauchsopfer, dem es so schlecht wie lange nicht geht! Eigentlich sprechen die Zitate bereits für sich, doch eine besonders interessante Wortwahl möchte ich gern hervorheben: Ana spricht von sich als seinem Objekt. Ein vielsagender Kommentar, da Grey doch gar nicht wirklich auf ihre Persönlichkeit steht, sondern sie lediglich nach seinen Sub-Idealen umformen will. Echte Liebe eben.


Anastasia Steele, die Antithese zur emanzipierten Frau

„Sehr geehrter Mr. Grey, nachfolgend erhalten Sie eine Liste der Punkte, die mir Probleme bereiten. […]“ – „Miss Steele, das ist eine lange Liste. Wieso sind Sie noch wach?“

Für einen Moment blitzt so etwas wie ein Hoffnungsschimmer im Buch auf. Anastasia hat soeben eine E-Mail verfasst, in der sie selbstbewusst für ihre Bedürfnisse einsteht und das Vertragsangebot Greys Punkt für Punkt hartnäckig verhandelt. Doch Grey wäre nicht Grey, wenn er nicht wie ein Arschloch über ihre Mail hinwegginge und sie mit seiner kurzen Antwort kaum ernstnähme. Leider misst sich Ana im Verlaufe des Buches nur allzu oft einen geringen Selbstwert bei. Sie lässt sich von ihrem Supermann in ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis manipulieren und will ihm immerzu gefallen – auf Kosten ihrer eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Zitate wie „Was jetzt? Weglaufen? […] Wenn ich jetzt einen Rückzieher mache, ist es vorbei.“ demonstrieren, wie unwohl sie sich mitunter in Greys Gegenwart fühlt, jedoch verstellt sie sich aus reiner Verlustangst und handelt gegen ihre Prinzipien. Fragen wie „Also ist Berühren ein Hard Limit für dich?“ veranschaulichen ihr ganzes Dilemma: Sie fügt sich weiten Teilen seines Regelkatalogs und darf höchstens hier und da Kompromisse aushandeln – ihre eigenen (Vanilla-)Vorlieben spielen jedoch keine Rolle, wenn sie ein Verhältnis mit Mr. Grey führen möchte. Heraus kommt dabei nichts als eine unheimlich schwache Frauenfigur (analog zu Bella aus „Twilight“), die für Leserinnen kaum als geeignetes Vorbild dienen sollte:

Das hier ist – […] verkehrt kommt mir in den Sinn, aber aus irgendeinem Grund ist es nicht verkehrt. Für Christian ist es richtig. Es ist genau das, was er will. Und nach allem, was in den letzten Tagen passiert ist, […] muss ich mich […] mit allem arrangieren, was er will […]

Warum, Anastasia? Auch du darfst deine eigenen Wünsche und Bedürfnisse verfolgen. Und wenn das mit Christian Grey nicht geht, dann ist er eben der völlig falsche Partner für dich – sorry, Fans! Auch als Ana am Ende den richtigen Schritt der Trennung geht, wird sie leider von falschen Denkmustern zerfressen. Den Anfang macht: „Ich war so grausam zu ihm, weil mich seine Brutalität so schockiert hat. Wird er mir jemals verzeihen.“ Man müsste E.L. James fast schon dafür loben, wie authentisch sie hier das Victim Blaming eines Missbrauchsopfers einfängt, aber dann erinnert man sich doch wieder daran, dass es in ihren Augen leider eine Romanze sein soll und bekommt das kalte Kotzen. „Ich habe ihn verlassen. Scheiße!“ möchte man in Gedanken durch „Endlich!“, „Gott sei Dank!“ oder „Ich bin frei!“ ersetzen, nur um am Ende dann gleich noch einmal die katastrophale Message aus dem Hirn der Protagonistin zu hören: „Unsägliche Seelenqual. Und ich bin selbst schuld daran.“ Dir muss geholfen werden, Mädel, und zwar nicht durch eure „Liebe“.


„Das war so ‘n schöner Abend! Das war so romantisch!“ – Assi-Toni

Doch aller Missbrauch wird überwiegend verklärt oder ignoriert, da im Vordergrund immerhin eine große Lovestory steht. Mehr als die üblichen Klischees bastelt „Fifty Shades of Grey“ jedoch kaum zusammen: Der gutaussehende reiche Anzugsträger, der weiß, was er will (und es sich auch nimmt), dabei jedoch mysteriös ist und entschlüsselt werden will, entspringt dem kleinen 1×1 für Frauenfantasien. Klimpert er dann noch melancholisch in die Klaviertasten, nimmt die Frau mit auf romantische Hubschrauberreisen an traumhafte Orte und hat irgendein dunkles Geheimnis, das die Dame mit Helferkomplex kraft ihrer Liebe heilen darf, ist der Stereotyp schließlich perfekt. Anastasia Steele indes verkörpert die klassische Mary Sue, die in ihrer Jungfräulichkeit der geneigten BDSM-neugierigen Leserin mit Stino-Beziehung nichts voraus hat und somit genug Identifikationspotenzial bietet, um mit ihr auf unbedarfte Entdeckungsreise in den Red Room of Pain zu gehen. Fertig ist die Aschenputtel-Story mit Kink.

Mauerblümchen und Millionär, die Funken sprühen bereits im Baumarkt zwischen Kabelbinder und Klebeband – doch schnell wird wieder klar, dass beide in gänzlich verschiedenen Welten leben. An einer Stelle des Romans geht selbst Mr. Grey plötzlich ein Licht auf: „Einer der Gründe, weshalb Menschen wie ich so etwas tun, ist, dass wir entweder gern Schmerz zufügen oder erleiden. So einfach ist das. Du allerdings nicht. Darüber habe ich gestern sehr lange nachgedacht.“ Das wäre der Punkt, an dem ein normaler Mensch sagen würde: „… Leider passen wir daher nicht zusammen, ich wünsche dir alles Gute.“ Doch Grey ist kein normaler Mensch. Er macht weiter und versucht, seine angebliche Traumfrau nach seinem sexuellen Wunschbild zu formen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Denn er ist „50 Shades of fucked-up“. Was er auch tut: Er ist eben so! Seine Mutter und Mrs. Robinson haben ihn durch Missbrauch in der Kindheit zu dem gemacht, was er heute verkörpert. Anstatt seine Vergangenheit in einer notwendigen Psychotherapie aufzuarbeiten, nutzt er sie als Vorwand für all seine Schandtaten und übernimmt keinerlei Eigenverantwortung. So sind sie eben, die BDSM-Szeneleute. Alles gemeingefährliche Perverse, die nur die Liebe einer Frau zur Läuterung bräuchten. Danke, E.L. James. Du hast die Literaturgeschichte um ein großes Werk bereichert.

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4 Kommentare zu „Fragwürdige Frauenfantasien von Romantik & Sex, oder: Warum »50 Shades of Grey« der letzte Dreck ist

  1. Das Buch ist schlecht. Technisch schlecht, inhaltlich schlecht….Trotzdem gehen die Vorwürfe zu weit. Anna kann jederzeit gehen! Anna heiratet freiwillig! usw.
    Nicht die Füße…ich lach mich kaputt, Kitzeln als Vergewaltigung, wir sperren 80000000 Deutsche ein.
    Du hast Recht, Anna ist keine Masochistin. Aber Beziehungen sind doch nicht so einfach, dass es immer für beide Partner optimal läuft. Jeder macht mal Dinge für den Anderen , auch wenn man da nicht unbedingt Fan von ist. Wie gesagt, sie kann gehen , jeder Zeit.
    Das Buch ist kein Standardwerk über BDSM, will es auch nicht sein. Es gibt einige Elemente, das war es.
    „safe, sane & consensual“ Die meisten pflegen in der Szene auch nur ein allgemeines Einverständnis. Im Detail wird der Komfortbereich schon mal absichtlich verlassen. Rechtlich Körperverletzung aber eben mit Einverständnis. Aber das führt jetzt zu weit.
    Vergleicht man 50SoG mit echter Literatur zum Thema BDSM kommt es auch nicht schlechter in Hinsicht „safe, sane & consensual“ weg als andere. Dann würden alle Bücher außer Lexika Vergewaltigungen beschreiben.
    Welcher Liebesroman hört bei „nicht die Füße“ auf?
    Es ist einfach schlechte Unterhaltungsliteratur und keine Anleitung.

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  2. Vielen Dank für deinen Kommentar!

    Dein Standpunkt geht im besten Fall von einer gesunden Beziehungsdynamik auf Augenhöhe aus, in der es bloß einmal nicht „optimal läuft“. Mein Hauptproblem ist allerdings nicht die Inkompatibilität der beiden Partner, sondern der Missbrauch auf emotionaler und physischer Ebene – gepaart damit, dass er sie mit seinen Regeln in die soziale Isolation treibt. Dadurch bringt er sie in ein solches Abhängigkeitsverhältnis, dass sie eben nicht „einfach gehen“ kann. In Interpretationen wird hier vielfach auf eine Art Stockholm-Syndrom hingewiesen.

    Deine Polemik kann ich leider nicht teilen. Sie tritt ihn weg in dieser Szene, ein einvernehmlicher Kontext ist aus dem von E.L. James Geschriebenen ebenso wenig abzuleiten, daher finde ich es definitiv kritikwürdig.

    Gefällt 1 Person

  3. Danke für diesen Beitrag.
    Das bereits mehrere Psychologen und Ärzte den Romanen häusliche Gewalt und Vergewaltigung vorgeworfen haben, wusste ich. Aber jetzt habe ich auch endlich die passenden Zitate für eine Diskussion mit den ewigen Verteidigern der Bücher

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